Eine Hand hält Handschellen vor einen Streifenwagen der Polizei.
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Zahlen der Landeskriminalämter Was sagt die Kriminalstatistik - und was nicht?

Stand: 02.04.2025 09:18 Uhr

Die Polizeiliche Kriminalstatistik liefert "kein exaktes Spiegelbild der Kriminalitätswirklichkeit" - so ordnet es das Bundesinnenministerium selbst ein. Welche Daten werden erfasst? Und was sagen Kritiker?

Welche Straftaten werden von der PKS erfasst?

Die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) wird jährlich bundesweit auf Grundlage der von den 16 Landeskriminalämtern übermittelten Daten erhoben. Die PKS erfasst alle von der Polizei bearbeiteten Straftaten, sowohl vollendete als auch solche, bei denen es lediglich beim strafrechtlich relevanten Versuch geblieben ist.

Sie biete, heißt es im PKS-Bericht selbst, "kein exaktes Spiegelbild der Kriminalitätswirklichkeit, sondern eine je nach Deliktsart mehr oder weniger genaue Annäherung an die Realität".

In der PKS finden sich die absoluten Zahlen aller Straftaten und Tatverdächtigen sowie die relativen Zahlen, die über die Häufigkeit von Straftaten in Bezug zur Anzahl der Einwohner oder Angehöriger bestimmter Gruppen (Altersgruppen, Geschlecht, Nationalität) Aufschluss geben. Letzteres soll die Vergleichbarkeit der Zahlen über Jahre hinweg gewährleisten.

Denn die absolute Anzahl an Straftaten hängt auch von äußeren Faktoren wie zum Beispiel dem Anstieg oder der Abnahme der Gesamtbevölkerung ab. Im Zusammenhang mit starker Zuwanderung sind die relativen Zahlen besonders relevant, denn mehr Menschen begehen insgesamt auch mehr Straftaten.

Die PKS umfasst insbesondere Angaben über Art und Anzahl der erfassten Straftaten, Tatort und Tatzeit, Opfer und Schäden, Aufklärungsergebnisse, Alter, Geschlecht, Nationalität und andere Merkmale der Tatverdächtigen.

Welche Kriminalitätsbereiche fehlen in der PKS?

Folgende wesentliche Gruppen von Straftaten sind nicht in der PKS enthalten: Staatsschutzdelikte, Ordnungswidrigkeiten, Verkehrsdelikte sowie Delikte, die nicht zum Aufgabenbereich der Polizei gehören, also etwa Finanz- und Steuerdelikte.

Im Hinblick auf Verkehrsdelikte fehlt damit bereits ein großer Teil aller Straftaten. Vermieden werden soll damit eine zu starke Abhängigkeit der PKS allein von möglichen Schwankungen in diesem Sektor.

Zoll- und Steuerstraftaten, die in der Regel nicht zum Aufgabenbereich der Polizei gehören und unmittelbar bei der Staatsanwaltschaft angezeigt und bearbeitet werden, fehlen aus diesem Grunde ebenfalls in der PKS. Staatsschutzdelikte werden gesondert erfasst - und teilweise in einem Sonderbericht zur "Politisch Motivierten Kriminalität" (PMK) ausgewiesen.

Welchen Zeitraum erfasst die PKS?

Die PKS spiegelt nicht die Anzahl der in einem Jahr begangenen, sondern polizeilich ausermittelten Straftaten wider. Das heißt, dass die PKS jedes Jahr zahlreiche Fälle enthält, die sich bereits im Jahr zuvor oder noch früher zugetragen haben können.

Auch eine Straftat, die nicht aufgeklärt werden konnte, weil kein Täter ermittelt wurde, findet Eingang in die PKS. Stellt sich dagegen im Laufe der polizeilichen Ermittlungen heraus, dass sich ein Tatverdacht nicht erhärten lässt, also gar keine Straftat vorliegt, so findet die Anzeige auch keinen Eingang in die PKS.

Insgesamt werden nur ungefähr 30 Prozent aller Tatverdächtigen auch verurteilt. All diese Ergebnisse finden aber keinen Eingang mehr in die PKS. Sie lässt sich daher auch nicht mit Statistiken der Justiz abgleichen wie etwa mit der Strafverfolgungsstatistik des Statistischen Bundesamts.

Sind alle Straftaten in der Statistik erfasst?

Die PKS beschäftigt sich ausschließlich mit dem sogenannten "Hellfeld", also mit Taten, die bei der Polizei angezeigt und bearbeitet werden. Sie erfasst nicht das "Dunkelfeld" der Straftaten im Verborgenen, die verübt wurden, ohne von der Polizei entdeckt oder bei ihr angezeigt zu werden.

In einigen Deliktsgruppen wie zum Beispiel sexuelle Belästigung oder sexuelle Gewalt gegen Kinder gilt ein großes Dunkelfeld in der kriminologischen Forschung als sehr wahrscheinlich, da Straftaten von den Opfern zum Beispiel aus Scham oder aufgrund von Abhängigkeitsverhältnissen entweder gar nicht oder erst Jahre später zur Anzeige gebracht werden.

Insofern ist mit großem Fragezeichen zu versehen, es als "rückläufig" zu bezeichnen, wenn in einem Jahr zum Beispiel die Zahlen zur Verbreitung, der Erwerb und Besitz kinderpornographischer Inhalte gegenüber dem Vorjahr um ein paar wenige Prozentpunkte sinken: Das können Anzeige- oder Ermittlungsschwankungen in einem Bereich mit überaus hohem Dunkelfeld sein. Gegenüber 2019 ist die ermittelte Deliktzahl hier innerhalb von fünf Jahren um 249 Prozent bis 2024 angestiegen.

Auch sogenannte Kontrolldelikte, die im Wesentlichen erst durch polizeiliches Handeln Eingang in die Statistik finden, können eine hohe Dunkelziffer aufweisen. Dazu gehören Rauschgiftdelikte, Korruption, Schwarzfahren, Ladendiebstahl oder das Erschleichen von Sozialleistungen.

Experten verweisen darauf, den Aspekt des "Dunkelfelds" nicht außer acht zu lassen. Der PKS-Bericht räumt das selbst ein: "Änderungen im Anzeigeverhalten der Bevölkerung oder in der Verfolgungsintensität der Polizei können die Grenze zwischen dem Hell- und Dunkelfeld verschieben, ohne dass sich der Umfang der tatsächlichen Kriminalität verändert hat", heißt es dort.

Der Kriminologe Tobias Singelnstein sagte der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (FAS): "Die Statistik bildet nicht die Kriminalitätswirklichkeit ab, sondern die Tätigkeit der Polizei." Aussagen zur Entwicklung der Kriminalität könnten dem allenfalls mit größter Vorsicht entnommen werden.

Welche Faktoren spielen bei Kriminalität eine Rolle?

Es gibt in der kriminologischen Forschung sehr konstante und belastbare Indikatoren für eine erhöhte Kriminalität: Erstens gibt es einen Kriminalitätsschwerpunkt in jüngeren Altersgruppen. Zweitens sind rund 75 Prozent aller Tatverdächtigen männlich. Drittens spielt die soziale Lage der Täter eine entscheidende Rolle: Je prekärer die soziale Lage, desto höher ist die Anfälligkeit für Kriminalität.

Auch die Kontrollintensität der Polizei hat maßgeblichen Einfluss auf die Statistik. Eine hohe Polizeipräsenz führt in aller Regel auch zu mehr aufgedeckten und angezeigten Straftaten. Dies gibt aber keine Auskunft darüber, ob die tatsächliche Zahl der Straftaten gestiegen ist - oder lediglich diejenigen, die der Polizei bekannt geworden sind.

Das "Lüchow-Dannenberg-Syndrom"
1981 wurde im Landkreis Lüchow-Dannenberg in Niedersachsen wegen der Atommülltransporte nach Gorleben massiv das Polizeipersonal aufgestockt. Wenn es gerade keine Anti-Atom-Proteste gab, verstärkten die zusätzlichen Einsatzkräfte den ganz normalen Polizeialltag. Dadurch stieg die Zahl der Tatverdächtigen in den 1990er-Jahren extrem an - im scharfen Gegensatz zu benachbarten Ortschaften, wo weniger Polizei im Einsatz war. Die Kriminalität hatte sich nicht erhöht, aber die Anzahl der Kontrollen schon. Damit ist das Dunkelfeld in der Region viel kleiner geworden.

Führt Migration zu mehr Kriminalität?

Laut "Mediendienst Integration" habe Migration die Kriminalität in den vergangenen 20 Jahren nicht erhöht: "Die Zahl der Straftaten ging in der Tendenz zurück, gleichzeitig lebten immer mehr Ausländer und Ausländerinnen in Deutschland" - die Zahl der Ausländer stieg zwischen 2005 und 2023 um 72 Prozent.

Dennoch: "Obwohl im Bundesland X nur Y Prozent Ausländer leben, machen diese einen viel höheren Anteil der Tatverdächtigen aus!" - ist wohl eine der gängigsten Behauptungen, wenn jemand versucht zu beziffern, wieviel "krimineller" in Deutschland lebende Ausländer sein sollen.

Dieser Behauptung liegt ein Denkfehler zugrunde: Unterscheiden muss man jedoch zwischen tatverdächtigen Ausländern, die nur vorübergehend im Land oder auf Durchreise sein können und hier lebenden ausländischen Tatverdächtigen: Um in der Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) als Tatverdächtiger erfasst zu werden, muss ein "Nichtdeutscher" keineswegs zur ausländischen Wohnbevölkerung gemäß Melderegister gehören.

Der in der Kleinstadt Guben geschnappte Autoschieber auf der Rückfahrt nach Osteuropa gehört genauso zu den Nichtdeutschen in der Brandenburger PKS wie der in Duisburg gefasste Drogenkurier aus den Niederlanden, der die Zahl der nichtdeutschen Tatverdächtigen in Nordrhein-Westfalen erhöht. Beide gehören aber nicht zu den in diesen Bundesländern wohnhaften Ausländern.

Im März musste das Land Brandenburg wegen solcher Rechenfehler seine Polizeistatistik korrigieren: Innenministerin Katrin Lange (SPD) hatte zunächst bei der offiziellen Vorstellung der Kriminalstatistik noch die "über 25 Prozent nichtdeutschen Tatverdächtigen" betont und darauf hingewiesen: "Der nichtdeutsche Bevölkerungsanteil in Brandenburg lag Anfang 2024 laut Amt für Statistik bei etwa 7,5 Prozent."

In der korrigierten Fassung sahen die Zahlen ganz anders aus: Während die Tatverdächtigenbelastungszahl (TVBZ) der in Brandenburg ansässigen Deutschen nach der Korrektur von 2.061 (Tatverdächtige pro 100.000 Einwohner, jeweils ab 8 Jahren) auf 1.745 gesunken ist, hat sich die TVBZ der nichtdeutschen Brandenburger sogar mehr als halbiert: von den ursprünglichen 8.900 genannten auf nunmehr 4.100 Fälle.

Was sagen Kritiker der PKS?

Der Kriminologe Singelnstein kritisiert, die Statistik werde "massiv überinterpretiert". Die Politik habe das Gefühl, sie müsse sich zu den Zahlen positionieren, und das werde in der öffentlichen Debatte entsprechend aufgegriffen. So entstehe ein Kreislauf, der sich jedes Jahr wiederhole.

Ein Bündnis aus Menschenrechts- und Migrantenorganisationen, Politikern und Wissenschaftlern warnt in einem offenen Brief vor falschen Narrativen zu Migration und Kriminalität. Die staatliche Sicherheitspolitik, die sich auch in der PKS ausdrücke, sie weitgehend "entkoppelt von sämtlichem kriminologischen Wissen".

Der Brief verweist darauf, dass eine objektive Betrachtung der Zahlen einen Rückgang der Straftaten belege. Demnach wurden 2023 rund 5,94 Millionen Straftaten registriert. 1993 habe der Höchstwert bei 6,75 Millionen gelegen. Die Polizei habe damit 13 Prozent weniger Straftaten als vor 30 Jahren erfasst. Die Statistik stelle jedoch "fehlgeleitete Bezüge" her, schüre Ängste und befeuere eine "spaltende Rhetorik", so das Komitee für Grundrechte und Demokratie, das zu den Unterzeichnern gehört.

Dieses Thema im Programm: Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 02. April 2025 um 11:00 Uhr.