Prävention an Schulen vor dem Konsum von Cannabis mithilfe des "Grünen Koffers": Cornelia Knapp, Suchtbeauftragte im Kreis Ludwigsburg, zeigt bei einer Fortbildung für Lehrer Lehr-Material für den Unterricht.

Baden-Württemberg Cannabis: "Grüner Koffer" soll Jugendliche vom Kiffen abhalten

Stand: 05.03.2025 13:35 Uhr

Was muss ich über Cannabis-Konsum wissen, was sind mögliche Folgen? Mit speziellem Unterrichtsmaterial sollen Pädagogen im Kreis Ludwigsburg Schülerinnen und Schüler aufklären.

Döschen mit Sand, Kräutern oder Henna - was hat das mit Cannabis zu tun? Die Tiegel gehören zum "grünen Koffer" und zeigen Jugendlichen, mit was Marihuana bisweilen gestreckt ist, welche Schadstoffe enthalten sind. "Oft weiß man gar nicht genau, was man da eigentlich raucht", erklärt Cornelia Knapp. Sie ist Suchtbeauftragte im Kreis Ludwigsburg und schult an diesem Tag Lehrkräfte und Sozialarbeiter in Ludwigsburg in Sachen Cannabis-Prävention. Das Ziel: Sie sollen mit Schülern ins Gespräch kommen über Cannabis. Der grüne Koffer soll dabei helfen.

Offen mit Cannabis umgehen

Neben den Döschen enthält der Koffer Info-Material und Anleitungen, um über Folgen und Risiken von Cannabis-Konsum aufzuklären. Ein Bilderrätsel etwa erklärt, was synthetische Cannabinoide sind und warum Haschisch-Brownies besonders gefährlich sind. "Wichtig ist, dass wir offen mit dem Thema umgehen und es nicht mit dem erhobenen Zeigefinger machen", sagt die Suchtbeauftragte Knapp. Nur so könne man die Schüler erreichen. Denn fast zehn Prozent der 12- bis 17-Jährigen haben in ihrem Leben bereits mindestens einmal Cannabis ausprobiert, so die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung.

Ein geöffneter Koffer mit Aufklärungsmaterial - Der "grüne Koffer" soll im Schulunterricht bei der Cannabis-Prävention unterstützen.

Mit dem Material aus dem "grünen Koffer" unterstützt Lehrkräfte im Kreis Ludwigsburg bei der Präventionsarbeit zu Cannabis.

Deshalb sollen die Schüler bei einer Übung auch mögliche Vorzüge des Cannabis-Konsums benennen. Bei der Übung sollen sie Murmeln in zwei Glasröhren werfen: Eine steht für Pro und eine für Contra. "Hintergrund ist, dass man sich Alternativen sucht zum Cannabis-Konsum", erklärt die Suchtbeauftragte. Wenn Schüler also zum Beispiel sagen, dass Marihuana-Rauchen entspannend wirken könne, dann suchen Lehrende und Jugendliche gemeinsam nach anderen Wegen zur Entspannung.

Cannabis-Konsum an Schulen explodiert

Dass Cannabis ein großes Thema ist, zeigt der Austausch unter den Teilnehmenden. Eine Lehrerin berichtet davon, dass der Cannabis-Konsum in ihrer Schule regelrecht explodiert sei. Eine Schulsozialarbeiterin ergänzt, dass an ihrer Schule immer wieder Schüler bekifft ins Klassenzimmer kämen. Ob Unterricht oder Schulsozialarbeit, Cannabis fällt auf im Kontext Schule. Das Seminar richtet sich folglich an alle pädagogischen Kräfte an einer Schule. Zudem unterstützt auch Dennis Kienle die Suchtbeauftragte Cornelia Knapp bei der Fortbildung. Er ist vom landeseigenen Zentrum für Schulqualität und Lehrerbildung.

In kleinen Tiegeln sind Stoffe gesammelt, mit denen Cannabis gestreckt werden kann: Solches Material für den Unterricht ist Teil des "Grünen Koffers", ein Präventionsangebot für Schulen im Kreis Ludwigsburg.

In kleinen Tiegeln sind Stoffe gesammelt, mit denen Cannabis gestreckt werden kann: Solches Material für den Unterricht ist Teil des "Grünen Koffers", ein Präventionsangebot für Schulen im Kreis Ludwigsburg.

In den Suchtberatungsstellen sind die Fallzahlen laut Cornelia Knapp gerade rückläufig. Doch von der Statistik sollte man sich dabei nicht täuschen lassen, sagt sie: Der Rückgang liege aber allein daran, dass der Konsum nicht mehr strafrechtlich verfolgt wird und deshalb weniger Fälle von der Polizei zugewiesen werden. Präventionsarbeit sei allerdings so wichtig wie nie, sagt Knapp. Durch die Legalisierung sei bei vielen Jugendlichen die Hemmschwelle gesunken, Cannabis zu probieren – auch wenn der Konsum für unter 18-Jährige verboten bleibt.

Suchtberatungen kritisieren unzureichende Finanzierung
Verantwortlich für Prävention und Beratung sind kommunale Suchtberatungen. Finanziert werden diese mit Geld von Kommunen, vom Land und dem Bund. Angesichts der Cannabis-Legalisierung forderten vergangenes Jahr 102 Suchtberatungsstellen in Baden-Württemberg eine bessere Finanzierung. So sind die Zuschüsse der Landesregierung laut Paritätischem Wohlfahrtsverband seit 1999 nicht erhöht worden. Die Kommunen wiederum hätten ihre Beiträge über die Jahre angepasst. Bei steigenden Kosten für Personal reichen diese laut Paritätischem Wohlfahrtsverband nicht aus. Hinzu kommen Mehrbelastungen für die Suchtberatungsstellen, da diese seit der Legalisierung unter anderem für die Schulung der sogenannten "Cannabis Social Clubs" verantwortlich sind. Im Vorfeld der Legalisierung forderte die baden-württembergische Landesregierung die damalige Bundesregierung dazu auf, die Förderung für die Suchtberatungsstellen zu erhöhen. Denn mit der Einführung des Cannabis-Gesetzes (CanG) gingen alle Fördermittel für Präventionsarbeit an die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BzgA). Diese erhielt 2024 sechs Millionen Euro, sowie je zwei Millionen Euro in den folgenden Jahren. Für kommunale Suchtberatungen wurden keine Mittel eingeplant.

Cannabis-Konsum unter 25 Jahren besonders gefährlich

Für Knapp wäre eine Legalisierung erst für ältere Menschen sinnvoll gewesen. "Das Gehirn ist bis zum 25. Lebensjahr noch im Wachstum und Cannabinoide wie THC können besonders in dieser Phase sehr schädlich sein." Auch das Risiko für Psychosen sei medizinisch nachweislich erhöht. Der "Grüne Koffer" soll dazu beitragen, dass weniger Jugendliche beginnen zu kiffen - oder zumindest ihren Konsum reduzieren. Entwickelt wurde er von der Ginko-Stiftung für Prävention in Nordrhein-Westfalen. Mittlerweile ist er bundesweit im Einsatz.

"In Baden-Württemberg gibt es in allen Landkreisen zwei Koffer", sagt Cornelia Knapp. Lehrkräfte sowie Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter, die die Schulung gemacht haben, dürfen den Koffer für ihre Schulen ausleihen. In Ludwigsburg steht das Projekt noch am Anfang. Die Suchtberaterin will zusammen mit einer Kollegin künftig noch viele weitere Pädagoginnen und Pädagogen schulen. Die Not und der Bedarf seien groß.

Gefahren: Wie schädlich ist Cannabis?
Cannabiskonsum ist inzwischen zwar legal, aber dennoch mit Risiken verbunden. Wie ein Mensch auf die Inhaltsstoffe von Cannabis reagiert, ist individuell sehr unterschiedlich und wenig berechenbar. Faktoren sind u.a. individuelle Empfindlichkeit, Stimmungslage, Konsumart, Gesundheitszustand, Mischkonsum und Vorerfahrungen. Für die Intensität und Dauer der Effekte ist insbesondere auch die aufgenommene Menge der Cannabis-Inhaltsstoffe maßgeblich. Akut (innerhalb von Stunden bis Tagen) können nach Cannabis-Konsum an Nebenwirkungen auftreten: Angst- und Panikgefühle, Orientierungslosigkeit, verminderte Reaktionsfähigkeit, Erinnerungslücken, depressive Verstimmung, Herzrasen, Übelkeit oder Schwindel und Halluzinationen. Bei länger andauerndem Konsum können psychische Störungen wie Depressionen und Psychosen auftreten, insbesondere bei Menschen mit Vorerkrankungen oder mit einer besonderen Empfindlichkeit für diese Erkrankungen. Zudem besteht das Risiko der Entwicklung einer Abhängigkeit. Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene sind aufgrund des Reifeprozesses des Gehirns bis zu einem Lebensalter von 25 Jahren besonders anfällig für psychische, physische und soziale Auswirkungen eines langfristigen, aber auch eines kurzfristigen Cannabiskonsums. Vor allem der Inhaltsstoff THC kann die Gehirnentwicklung stören. Quelle: Bundesgesundheitsministerium

Sendung am Do., 6.3.2025 5:00 Uhr, Guten Morgen Baden-Württemberg, SWR1 Baden-Württemberg

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