
Baden-Württemberg Von den Philippinen nach Südbaden: So kommen ausländische Pflegekräfte ins Land
Pflegekräfte aus dem Ausland halten Kliniken in der Region am Laufen. Doch das politische Klima ist rauer geworden. Wie attraktiv ist Deutschland noch und wie kommen sie hier her?
Micah Marie Gazo ist 29 Jahre alt und eine der ausländischen Pflegekräfte, die in Deutschland so dringend gebraucht werden. Dafür hat sie azurblaues Wasser mit traumhaften Sandstränden und tropischen Temperaturen auf den Philippinen gegen Krankenhauskittel, Schichtdienst und Minustemperaturen in Deutschland getauscht. Für sie geht damit ein Traum in Erfüllung.
Seit Dezember ist die junge Frau in Deutschland und arbeitet mit 24 weiteren ausländischen Pflegekräften an der Helios Klinik in Müllheim (Kreis Breisgau-Hochschwarzwald). Ohne sie wäre die Personalsituation kritisch. "Wir hätten wahrscheinlich nur noch acht Leute zum Arbeiten. Das würde nicht reichen, um die Station zu betreiben", betont Stationsleiter Michael Winter.
Ohne diese Mitarbeiter würde es fast nicht mehr gehen. Michael Winter, Stationsleiter Helios Klinik Müllheim
Wie die Pflegekräfte nach Deutschland kommen
Mittagszeit in Deutschland. Isa Benzing sitzt in Villingen-Schwenningen (Schwarzwald-Baar-Kreis) vor ihrem Laptop. Erwartungsvolle Gesichter blicken ihr entgegen. Denn die Geschäftsführerin der Agentur PISAcare spricht in einem Videocall mit Bewerberinnen und Bewerbern auf den Philippinen, die sich gerade auf ihre Zeit als Pflegekräfte in Deutschland vorbereiten.
Sie alle haben bereits vier Jahre lang einen Bachelor of Science in Nursing (BSN) studiert - eine Art Pflegewissenschaften - und sammeln nun die ersten Jahre Berufserfahrung auf den Philippinen. Nebenher stehen Meetings, Bewerbungsgespräche und vor allem Sprachkurse auf der Agenda: Die deutsche Sprache zu lernen, da sind sich alle einig, sei die größte Herausforderung.
Nicht nur reine Stellenvermittlung
Isa Benzings Kunden sind Kliniken und Pflegeeinrichtungen über ganz Südbaden verteilt. Für sie macht sich der kleine Familienbetrieb auf die Suche nach geeignetem Pflegepersonal aus dem Ausland. Dafür arbeitet Benzing mit Personalagenturen vor Ort zusammen.
Doch die Arbeit geht weit über eine reine Stellenvermittlung hinaus, auch emotionale Unterstützung ist an der Tagesordnung. "Wenn der Hund krank ist, es der Mutter nicht gut geht, es Eheprobleme gibt oder die große Frage, ob Deutschland wirklich die richtige Wahl ist", zählt Benzing nur einige der Sorgen auf, mit denen sie sich beschäftigt. Ihr Betrieb begleitet die Bewerberinnen und Bewerber über einen längeren Zeitraum: mindestens zwei Jahre, manchmal aber auch drei, vier oder fünf Jahre.

Isa Benzing, die Geschäftsführerin von PISAcare, im Gespräch mit Bewerberinnen und Bewerbern von den Philippinen.
Deutsche Bürokratie und lange Wartezeiten
Auf die Hindernisse bei ihrer Arbeit angesprochen, antwortet Isa Benzing mit einem Wort: "Behördenprozesse". Rund 40 Dokumente und Papiere müssen im Rahmen des beschleunigten Fachkräfteverfahrens bei den unterschiedlichen Instanzen - wie der Ausländerbehörden, Agentur für Arbeit, die deutsche Botschaften in den Herkunftsländern und Regierungspräsidien in Deutschland - vorgelegt werden.
Dann heißt es erst einmal warten. "Wir hatten jetzt auch schon einen Fall, wo die Fristen vonseiten der Ämter überschritten worden sind. Da merkt man einfach, die Ämter haben auch Personalmangel und laufen am Limit", so Benzing. Doch auch in Sachen Digitalisierung könne noch so einiges nachgebessert werden, mahnt sie.
"Uneinheitliche Formulare bei den Ämtern, außerdem immer unterschiedliche Kommunikationswege von E-Mail über Post bis hin zum Fax. Wir könnten alles auf einfachem Weg digital übermitteln, aber viele Stellen dürfen es so dann einfach nicht annehmen", sagt Benzing. Auch an der Helios Klinik in Müllheim seien aufgrund der nötigen Bürokratie eigens zwei Beschäftigte abgestellt worden, die sich nur um die Anerkennung der Pflegekräfte im Haus kümmern.
Lange Wartezeiten steigern das Risiko für Absagen
Eines der größten Risiken bei der Rekrutierung von Pflegekräften aus dem Ausland ist für die Agentur und den Arbeitgeber, dass sie kurz vor der Ausreise noch absagen. "Wir hatten jetzt erst eine Bewerberin, die kurz vor ihrer Ausreise eine Krebsdiagnose bekommen hat." Neben Krankheit gebe es auch andere Gründe, wie zum Beispiel Probleme beim Lernen der Sprache oder die große Distanz zur Familie. Zu diesem Zeitpunkt hat die Agentur jedoch schon mindestens 2.000 bis 3.000 Euro in die Vorbereitung der Bewerberinnen und Bewerber investiert.
Für Pflegekräfte hingegen entstehen bei PISAcare keine Kosten. "Wir hatten mal eine Art Motivationspauschale von 100 Euro für die Ausbildung vor Ort angesetzt, die sie dann in Deutschland zurückbekommen hätten", erklärt die Geschäftsführerin. Aber schon dieser Geldbetrag habe viele an ihre Grenzen gebracht. Die Gesamtkosten zwischen 10.000 und 15.000 Euro pro Pflegekraft tragen letztlich die Arbeitgeber. Sie kümmern sich auch um die Wohnungssuche für die Pflegekräfte, holen sie gemeinsam mit der Agentur vom Flughafen ab und begleiten sie unter anderem bei den ersten Amtsgängen in Deutschland.

Ausländische Pflegekräfte von den Philippinen werden am Flughafen von der Geschäftsführerin der Recruiting Agentur abgeholt.
Gleichzeitig werde die Branche wieder und wieder mit dem Vorwurf des Sklavenhandels konfrontiert. "Es gibt Fälle, in denen es schon schlecht gelaufen ist. In Saudi Arabien werden manchmal Pässe eingezogen und andere Verträge aufgelegt, als besprochen worden ist", erklärt Benzing die Vorwürfe. Das große Problem sei, dass der Beruf der Recruiting Agenturen nicht geschützt ist. "Jeder kann das machen und es machen auch viele. Nicht alle machen es richtig und machen dadurch nicht nur den Markt kaputt, sondern halten das schlechte Image am Leben", sagt Isa Benzing.
Warum die Philippinen, Indonesien und Thailand?
Ob von den Philippinen oder aus anderen Ländern: Sie alle eint der Wunsch nach einer Arbeit als Pflegekraft und einem neuen Leben im Ausland. Was man sich in Deutschland kaum mehr vorstellen kann, ist auf den Philippinen bittere Realität: Zu viele Pflegekräfte kommen auf zu wenig Arbeitsplätze. Dadurch haben es die Philippinen neben beispielsweise Indien, Mexiko und Indonesien auf die Liste derer Länder geschafft, aus denen laut World Health Organization (WHO) Fachkräfte angeworben werden dürfen, ohne dass dadurch die Infrastruktur und Versorgung des Herkunftslandes gefährdet wird.
Aber es spreche laut Benzing auch ein weiterer Aspekt für die Rekrutierung auf den Philippinen: "Man darf nicht immer kulturalisieren, aber man erkennt Tendenzen. Die Tendenzen der Menschen dort sind ganz klar hilfsbereit, zuvorkommend und respektvoll gegenüber dem Alter, den Schwachen und Kranken - und das passt natürlich perfekt."
Deutschland sehr attraktiv für Filipinos
Bei vielen Filipinos ist Deutschland sehr beliebt - zumindest bisher noch. "Beim Arztbesuch einfach eine Karte hinlegen zu können und behandelt zu werden, das kennen die so nicht", erzählt die Geschäftsführerin mit dem Verweis auf das deutsche Gesundheitssystem. Auch die Sicherheiten eines Sozialstaats und vor allem die Möglichkeit des Familiennachzugs macht Deutschland für die Pflegekräfte von den Philippinen besonders attraktiv.
"Oft legen alle Mitglieder einer Familie ihr ganzes Geld zusammen, um einem Familienmitglied das Pflegestudium zu ermöglichen. In Deutschland kaum vorstellbar: Auf den Philippinen brechen viele ihr Medizinstudium ab, um Pflege zu studieren", so Benzing. Mit dem in Deutschland als Pflegekraft verdienten Geld wird dann wiederum die Familie auf den Philippinen unterstützt.
Politisches Klima eine Gefahr für die Rekrutierung
Doch das Klima in Sachen Migrationspolitik in Deutschland ist rauer geworden. Das birgt auch Risiken, wenn es um die Anwerbung der so dringend benötigten Pflegekräfte und anderer Fachkräfte in Deutschland geht. Laut Pflegereport von der Bertelsmann Stiftung sollen bis 2030 rund 500.000 Vollzeitkräfte in der Pflege fehlen. Nur eine von vielen Hochrechnungen zu der angespannten Lage in Kliniken und Pflegeeinrichtungen.

Ohne Pflegekräfte aus dem Ausland würde es auf dieser Station in der Helios Klinik in Müllheim kaum noch gehen.
"Auf den Philippinen spüren wir da noch nichts, trotz der Sprachbarriere ist Deutschland da bisher weiterhin gefragt", sagt Isa Benzing. Andere Erfahrungen habe sie aber bereits in Indonesien gemacht: "Die Bewerberinnen und Bewerber sind sehr skeptisch Deutschland und Europa gegenüber." Wegen des Krieges in der Ukraine, aber auch nach den jüngsten Wahlergebnissen. "Sie haben wirklich Angst vor Rassismus und möchten deswegen Deutschland nicht unbedingt als Zielland wählen", sagt Benzing.
Auch der Pflegedirektor der Helios Klinik in Müllheim, Florian Keßler, sieht in den Debatten ein potenzielles Risiko bei der Gewinnung neuer Fachkräfte. "Eine Gefahr sehen wir natürlich bei mangelnder Gastfreundschaft. Dass sich die Bewerberinnen und Bewerber, die sich eigentlich für Deutschland interessieren, anderweitig umorientieren. Wir konkurrieren nicht mit Frankreich oder Skandinavien, sondern mit den Emiraten und dem Oman. Das sind die Länder, wo die Pflegekräfte sonst hingehen", so Keßler.
Willkommenskultur und Integration
Um die Diversität zu stärken, arbeitet die Helios Klinik nach eigenen Angaben mit verschiedenen Agenturen zusammen, die aus unterschiedlichen Ländern rekrutieren. Darunter auch das "Triple Win"-Programm der Bundesagentur für Arbeit. Darüber hinaus versucht die Klinik die ausländischen Pflegekräfte auch dabei zu unterstützen, sich über die Arbeit hinaus zu integrieren - etwa durch Verbindungen zu ortsansässigen Vereinen.
Denn nur, wenn sich die ausländischen Pflegekräfte in Deutschland wohlfühlen, besteht auch die Chance, dass sie bleiben. "Für Integration braucht es eine Gesellschaft, die bereit ist, die Pflegekräfte zu integrieren. Und es braucht Pflegekräfte, die bereit sind, sich in der Gesellschaft zu integrieren", fasst Pflegedirektor Florian Keßler zusammen.
Sendung am Mo., 24.3.2025 19:30 Uhr, SWR Aktuell Nachrichten - SWR Aktuell BW