
Schleswig-Holstein Susanne van Giffen: Die Chefin auf dem Hof
Sie arbeiten auf dem Acker, in den Tierställen oder der Direktvermarktung; kümmern sich um Büro, Kinder und Haushalt: Frauen in der Landwirtschaft nehmen unterschiedliche Rollen ein. Allerdings sind sie selten in Führungspositionen.
Susanne van Giffen fährt mit dem Traktor zu einem ihrer Felder in der Nähe des Dorfes Wennbüttel im Kreis Dithmarschen. Die Fläche grenzt an einen Wald, auf der anderen Seite hat man einen weiten Blick über die Landschaft. Grüne Halme ragen aus dem Boden, der jetzt im Frühjahr bereits gedüngt wurde. Hier wächst Gerste.
Die 47-Jährige leitet einen für Schleswig-Holstein mittelgroßen konventionellen Ackerbaubetrieb. Neben Gerste wachsen auf den Feldern auch Raps, Weizen, Roggen und Mais. Ein Teil geht in eine Biogasanlage, ein Teil wird zu Tierfutter verarbeitet, ein Teil zu Rapsöl. Den Großteil der Arbeit auf dem Hof übernimmt die Landwirtin selbst - Hilfe hat sie von ihrem Onkel. "In den Arbeitsspitzen habe ich sonst noch einen jungen Mann, oder manchmal einen älteren Mann, der mir bei der Ernte hilft oder in der Bestellung."
Van Giffen sieht Flexibilität als Vorteil
Aufgewachsen auf dem elterlichen Betrieb hat sie später Agrarwissenschaften studiert und 2012 den Hof ihres Onkels übernommen. Damals war sie Mutter von zwei kleinen Kindern. Einen Betrieb leiten? Keine Frage, dass sie diesen Schritt gehen würde, erzählt sie, trotz hoher Arbeitsbelastung. Eine Herausforderung, erinnert sie sich, aber: "Es stand für mich fest, dass ich das gerne machen möchte." Mittlerweile hat sie vier Töchter im Alter zwischen elf und 16. Beruf und Familie lässt sich für sie sehr gut vereinbaren: "Man kann immer schnell nach Hause kommen. Wenn ich jetzt irgendwo im Büro arbeiten würde, und die Kinder sind krank, dann könnte ich ja nicht einfach mal schnell nach Hause kommen, und gucken, wie es denen geht."
In ihrem Alltag könne sie sich vieles einteilen, sagt sie, auch wenn die Arbeit im Ackerbau viel vom Wetter abhängig ist und die Arbeitszeiten zum Teil schwer planbar sind. Ohne Unterstützung geht es dabei nicht. Ihr Mann, der nicht in der Landwirtschaft arbeitet, hat viel übernommen, vor allem, als die Kinder klein waren, auch ihre Schwester half. Mehrere Jahre hat zudem eine Tagesmutter auf dem Hof gearbeitet.
Jeder neunte Betrieb wird von einer Frau geführt
Zwar ist jede dritte Arbeitskraft in der Branche eine Frau - aber nur jeder neunte Betrieb in Deutschland wird von einer Frau geführt. Das verdeutlicht eine bundesweite Studie zur Lebenssituation von Frauen in der Landwirtschaft.
Petra Bentkämper ist Präsidentin des Deutschen Landfrauenverbandes. Die Gründe für den geringen Anteil der Betriebsleiterinnen sieht sie zum einen in traditionellen Rollenbildern - die würden sich in der Agrarbranche "hartnäckig" halten: Höfe werden traditionell vor allem an Söhne übergeben.
Eine große Herausforderung sieht Bentkämper zudem in der Vereinbarkeit von Familie und Beruf. "Gerade im ländlichen Bereich gibt es oft eine fehlende oder schlechte Infrastruktur, die die Frauen besonders unter Druck setzt und dann zu der Frage führt: Kind oder Karriere?"
Dabei seien Frauen gut qualifiziert: Mehr als die Hälfte der Studierenden seien Frauen, auch in der landwirtschaftlichen Ausbildung würde der Anteil von Frauen steigen. "Aber noch immer gehen sehr, sehr viele Frauen nach dem Studium in die Forschung, in den Vertrieb, und nicht auf die Betriebe." Geteilte Betreuung, gleichberechtigte Teilhabe in landwirtschaftlichen Gremien, Gleichstellungsthemen in der Ausbildung - das alles muss nach Ansicht von Bentkämper stärker in den Fokus rücken.
Landfrauenverband fordert bessere Absicherung von Frauen
Grundsätzlich ist auch die finanzielle Absicherung von Frauen in der Landwirtschaft ein wichtiges Thema - nämlich dann, wenn Frauen zwar auf den Höfen mitarbeiten, ihn aber nicht mitbesitzen. "Faktisch ist es so, dass Frauen sich absolut als partnerschaftlich anerkannte Mitunternehmerin sehen, aber das spiegelt sich nicht in den Eigentumsverhältnissen wider", erklärt Bentkämper. Bei einer Trennung beispielsweise können Frauen in eine schwierige Situation geraten: Ohne Ehevertrag, sagt Bentkämper, stehe den Frauen "rechtlich nichts“ vom Hof zu, eine Absicherung durch die landwirtschaftliche Alterskasse alleine reiche nicht. Zusätzliche Vorsorge ist notwendig. Die Präsidentin des Landfrauenverbandes fordert, dass die Absicherung von Frauen in der Landwirtschaft besser geregelt wird, eine Erwartung auch an die neue Bundesregierung.
Van Giffen wünscht sich, dass eine Tochter den Hof übernimmt
Hofinhaberin Susanne van Giffen muss bei der Eigentumsfrage nichts befürchten. Grundsätzlich findet sie wichtig, dass Frauen für ihre Unabhängigkeit sorgen - beispielsweise, indem eine Partnerin eines Betriebsleiters über einen Ehevertrag abgesichert wird, durch Gründung einer GbR oder indem die Frau ihren alten Job behält.
In den vergangenen Jahren sind Frauen in der Landwirtschaft sichtbarer geworden. Früher, sagt van Giffen, sei sie eine von wenigen Frauen gewesen, die einen Trecker fahren - das ändere sich. Jetzt sehe man häufig Frauen auf Treckern: "Ich freue mich immer. Dann winke ich auch immer noch mal extra." Sie selbst fühlt sich anerkannt als Chefin auf dem Hof in einem eher männlich dominierten Beruf. "Absolut" antwortet sie auf die Frage, ob sie mit Respekt behandelt wird: "Gerade mit den Erntehelfern, das ist ja mein Alltag, das ist ja auch schön." Und sie ergänzt: "Die Leute, die keine Lust haben, mit einer Frau zu arbeiten, die sind nicht da. Und die Leute, die Lust haben, mit einer Frau zu arbeiten, die haben auch Respekt." Mit Blick auf die Zukunft hofft sie, dass später eine ihrer Töchter ihren Hof übernimmt.
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Aktuell | 07.03.2025 | 06:40 Uhr