Eine Gruppe älterer Frauen sitzt an einem Tisch und trinkt Kaffee und Tee zusammen.

Aufklärungskampagnen Die Enttabuisierung der Wechseljahre

Stand: 19.03.2025 13:46 Uhr

Allein in Deutschland sind neun Millionen Frauen betroffen - doch die Wechseljahre sind noch immer oft ein Tabu. Schauspielerinnen und Journalistinnen gehen nun in die Offensive.

Es betrifft die Hälfte der Menschheit - und zwar seitdem sie existiert. Aber dennoch ist es ein Tabu. Wenn eine prominente Frau es bricht, sorgt es weltweit für Schlagzeilen. Zum Beispiel, wenn die Oscar-Preisträgerin und Unternehmerin Gwyneth Paltrow in ihrem Podcast mit wechselnden Expertinnen über die Menopause aufklärt. Oder wenn die britisch-australische Schauspielerin Naomi Watts offen darüber spricht, dass sie bereits mit 36 Jahren in die Wechseljahre kam.  

Enttabuisierung mit Haltung und Humor

Aber auch in Deutschland ergreifen immer mehr Frauen aus der Kulturbranche das Wort und treiben die Enttabuisierung voran, mit Haltung und Humor. Zu ihnen gehören beispielsweise die Moderatorinnen Marlene Lufen und Katja Burkard oder die Schauspielerinnen Christine Neubauer und Gesine Cukrowski. In der WDR-Sendung "Frau TV" schildert die 56-jährige Cukrowski ihre Erfahrungen mit Altersdiskriminierungen:  

Wenn Drehbücher kommen, steht nach dem Rollennamen in Klammern 49 - als wäre diese 50 eine dämonische Zahl! Älter darf man nicht werden! Weil man immer noch mit Frauen bis 50 verbindet, dass sie fruchtbar sind, dass sie noch interessant sind. Danach verschwinden sie für etwa zehn Jahre und dann tauchen sie wieder auf als die patente Omi. Die Phase dazwischen wird nicht erzählt.

Also die Phase, in der die meisten Frauen ihre Menopause erleben.  

Eine Kampagne führt zu neuer Rollenvielfalt

Zusammen mit der Journalistin Silke Burmester hat Gesine Cukrowski die Initiative "Let’s change the picture" ins Leben gerufen - für mehr Sichtbarkeit von Frauen ab 47 Jahren. Dafür erhielten die beiden 2023 den Ehrenpreis "Inspiration" des Deutschen Schauspielpreises. Und Programmverantwortliche suchten die Zusammenarbeit mit Cukrowski und Burmester: Die ARD-Filmproduktions GmbH Degeto ließ sich von der Initiative beraten. Das führte inzwischen zu einer größeren Rollenvielfalt, berichtet Cukrowski. Auch mit dem ZDF sind die Aktivistinnen im Gespräch.  

Zu den Frauen, die mit ihrer Öffentlichkeitsarbeit das Bild der Wechseljahre in Deutschland verändern, gehört auch die Professorin und Gynäkologin Mandy Mangler. Sie ist Host des Podcasts "Gyncast". Trotz der Beschwerden, die mit der Menopause verbunden sind, kann Mangler ihr auch viel Positives abgewinnen: "Eigentlich ist es eine Zeit der Stärke. Es ist die integrierte Verhütungsmethode der Evolution. Die Evolution wollte uns was Gutes tun, deshalb ist es erst mal schön." Aber gerade dieser Punkt führe auch zur Tabuisierung, erklärt Mandy Mangler im WDR: "Das Image ist so schlecht, weil sich für viele der Wert einer Frau an der Fruchtbarkeit misst."

Lange Liste möglicher Symptome

Mit dem Tabu geht auch viel Unwissenheit einher. Für fast jede Frau ist diese Phase der Hormonumstellung mit Beschwerden verbunden - die sie aber oftmals gar nicht mit ihren Wechseljahren in Verbindung bringt. Menopause bedeutet weit mehr als Hitzewallungen und Schlafstörungen. Gelenk- und Muskelschmerzen, Blasenentzündungen, Harndrang, Depressionen, Herzrhythmusstörungen, Konzentrationsschwierigkeiten, Haarausfall - all das und noch viel mehr steht auf der langen Liste möglicher Symptome. Eine enorme Herausforderung im Alltag und im Beruf.  

Eine Frau fächelt sich mit einer Zeitung Luft zu.

Menopause bedeutet weit mehr als Hitzewallungen und Schlafstörungen

"Menosupport" gegen den volkswirtschaftlichen Schaden

Die Journalistin Anke Sinnigen gründete 2021 das Wissens-Portal "wexxeljahre.de" - "weil wir viel mehr Aufklärung über die Wechseljahre brauchen", erklärt sie im WDR. Sie berät Unternehmen, wie sie Mitarbeiterinnen in der Menopause unterstützen können.

Eine Investition, die sich lohnt. 2024 zeigte die Studie "Menosupport" der Hochschule für Wirtschaft und Recht in Berlin, welch enormer volkswirtschaftlicher Schaden entsteht, wenn die Unterstützung ausbleibt: Jede fünfte Frau über 55 geht demnach aufgrund gesundheitlicher Herausforderungen früher in den Ruhestand, ein Viertel reduziert die Arbeitszeit, weitere Frauen wechseln die Stelle oder nehmen eine Auszeit. Und das in Zeiten des Fachkräftemangels, der durch den demografischen Wandel verschärft wird.  

Sinnigen erklärt, dass bereits kleine Anpassungen in Unternehmen helfen können. Dazu gehören flexiblere Arbeitszeiten, Homeoffice und Betriebssport-Angebote. Auch "Awareness-Vorträge" und Informationen zum Beispiel zur Ernährung und Hormon-Ersatztherapien seien sinnvoll. "Ganz wichtig ist auch die Aufklärung der Führungskräfte", so Sinnigen.  

Die "Nationale Menopausen-Strategie"

Die Initiative "Wir sind neun Millionen" fordert, das Thema Wechseljahre im Koalitionsvertrag der nächsten deutschen Bundesregierung zu verankern. Vorbild ist unter anderem Österreich. Dort haben sich die drei Regierungsparteien jüngst darauf verständigt, die Themen "Menstruationsgesundheit, Endometriose und Wechseljahre" in den "Aktionsplan Frauengesundheit" aufzunehmen. Die Chancen in Deutschland, wo aktuell CDU/CSU und SPD einen Koalitionsvertrag verhandeln, sollten ebenfalls gut stehen.  

Denn die Union hatte im Oktober 2024 das Thema auf die Agenda des Bundestages gesetzt. Sie forderte in einem Antrag eine "Nationale Menopausen-Strategie". Darin heißt es: "Die Menopause hat veritable ökonomische und soziale Folgen, die über die individuellen gesundheitlichen Beschwerden der Frauen hinausgehen."

Allein in den USA betrage der jährliche volkswirtschaftliche Schaden durch Arbeitsausfall 1,8 Milliarden US-Dollar. In den G7-Staaten machten Frauen, die sich in den Wechseljahren befinden, durchschnittlich elf Prozent der arbeitenden Bevölkerung aus - mit steigender Tendenz. Angesichts dieser ökonomischen und sozialen Folgen fordert die Union "eine nationale Menopausen-Strategie, die internationale Erfahrungen und Best-Practice-Beispiele aufgreift und daraus Leitlinien für eine neue Politik für die Frauengesundheit entwickelt".

Eine Party für die letzte Binde

Handlungsbedarf besteht auch bei der Ausbildung von medizinischen Fachkräften. Die Gynäkologin und Podcasterin Mandy Mangler erklärt, dass im Medizinstudium "Gendermedizin, also speziell auf Frauen und Männer zugeschnittene Medizin", schlicht nicht vorkomme. Und in der Fachärztinnen-Ausbildung zur Gynäkologie sei die Menopause ein Thema unter vielen. "Da kommt es sehr auf das Engagement der Ärztinnen und Ärzte an", sagt sie.  

Umso wichtiger erscheint angesichts dieser Defizite die Kampagnenarbeit von Aktivistinnen. Ihre vielfältige Aufklärungsarbeit und ihr Mut, mit sehr Persönlichem an die Öffentlichkeit zu gehen, weiten den Horizont für Millionen Frauen und das Bild von den Wechseljahren in der Gesellschaft. Mandy Mangler betont: "Die Menopause gibt uns die Chance, genau hinzuschauen für ein gesundes Altern."

Warum also nicht diese Zeit des Übergangs offensiv feiern? So wie die Kabarettistin Gerburg Jahnke es tat: "Ich habe privat meine letzte Binde im Garten beerdigt - mit einer Party!" Auch dieser Aktionsvorschlag ist ein weiterer Beitrag zur Enttabuisierung von dem, was ganz natürlich ist und die Hälfte der Menschheit betrifft. 

Dieses Thema im Programm: Über dieses Thema berichtete WDR 5 am 14. März 2025 um 06:05 Uhr.