Spargel wird geerntet.
Player: audioKritik an Arbeitsbedingungen von Saisonarbeitern

Erntehelfer in der Landwirtschaft Was auf deutschen Feldern alles schiefläuft

Stand: 25.03.2025 18:17 Uhr

Zum Beginn der Spargelsaison werden rund eine Viertelmillion Erntehelfer aus dem Ausland benötigt. Viele leiden unter unfairen Arbeitsbedingungen. Aber es gibt auch positive Entwicklungen.

Von Anna Vogel, HR und Katharina Wilhelm, HR

Für Spargel-Fans ist es eine erfreuliche Nachricht: Wegen warmer Temperaturen wurde in Südhessen schon jetzt der erste Spargel angestochen, einige Tage früher als geplant. Für die Landwirte beginnt jetzt eine besonders geschäftige Zeit. Der Spargel muss aus der Erde geholt, sortiert, geputzt und verkauft werden. All das geht nur mit der Hilfe von Saisonarbeitern.

Beim Tannenhof im hessischen Weiterstadt beispielsweise helfen derzeit 50 Erntehelferinnen und Erntehelfer aus, erzählt Lisa Meinhardt, deren Familie den Spargel seit Generationen anbaut. Bald arbeiten dort bis zu 200 Saisonkräfte: "Es kommen hauptsächlich Leute aus Rumänien und Moldau, die sind teilweise auch schon seit vielen Jahren bei uns, manchmal zehn bis 20 Jahre. Wir sind da einfach auch eine richtig große Familie."

Sechs bis acht Wochen kämen die meisten Helferinnen und Helfer. Sie bekommen Mindestlohn, wer sehr gut Spargel steche, der verdiene aber deutlich mehr, so Meinhardt. Für die Arbeitskräfte gebe es Zimmer auf dem Hof, außerdem Mietcontainer, die extra für die Zeit angeliefert würden. Sie seien kostengünstig, so Meinhardt.

Das Bündnis Faire Landwirtschaft
Das Bündnis "Faire Landwirtschaft" besteht  aus der gewerkschaftsnahen Beratungsstellen Faire Mobilität, dem Europäischen Verein für Wanderarbeiterfragen (EVW) und dem Beratungsnetzwerk "Gute Arbeit" von Arbeit und Leben, der Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt (IG BAU), kirchlichen Beratungsstellen sowie des PECO-Instituts.

Hohe Mieten zehren Arbeitslohn auf

Faire Mieten und gute Arbeitsbedingungen seien nicht der Standard, sagt das Bündnis "Faire Landwirtschaft" bei der Vorstellung des Saisonberichts für das Jahr 2024 in Frankfurt am Main. Viele Saisonarbeitende würden als "Beschäftigte zweiter Klasse" behandelt, kritisiert Harald Schaum, Vizebundesvorsitzender der IG BAU.

Ein Problem für viele Arbeiterinnen und Arbeiter: Die hohen Preise für Unterkunft und Verpflegung. Dem Bündnis nach hätten die Arbeitskräfte zwischen 18 und 21 Euro pro Tag für Bett und Mahlzeit im vergangenen Jahr zahlen müssen. Damit seien die Mieten gegenüber dem Vorjahr um zwei bis drei Euro gestiegen. In Extremfällen hätten Arbeiterinnen und Arbeiter bis zu 800 Euro im Monat für eine Schlafgelegenheit in einem Drei-Bett-Zimmer gezahlt.

Wohnkosten sollten gedeckelt werden

Manche Saisonarbeiter hätten auch dann die Miete weiterzahlen müssen, wenn sie tagelang wegen Regenfällen oder Überschwemmungen nicht aufs Feld und arbeiten konnten. Das konterkariere nicht nur den Mindestlohn. Manche Arbeiter seien "verschuldet zurück nach Hause gefahren" so Anja Piel, GDB-Bundesvorstandsmitglied. Sie fordert einen Deckel für Wohnkosten.

Zudem müssten die Unterkünfte auf einen Standard gebracht werden, der menschenwürdig ist. In den Unterkünften, oft einfachen Baracken oder ungedämmten Metallcontainern, gebe es in einigen Fällen zu wenige sanitäre Anlagen. Das Bündnis spricht von "verheerenden Zuständen".

Sexuelle Ausbeutung durch Vorarbeiter

Seit 2018 fokussiert sich das Bündnis zudem auf die Arbeitsbedingungen auf dem Feld. Erstmals ging es in dem Jahresbericht um sexuelle Übergriffe. Rund 44 Prozent der Erntehelfer seien Frauen, diese lebten teils in "schwierigen und gefährlichen Situationen" und seien in Einzelfällen sexueller Ausbeutung und Gewalt durch Vorarbeiter ausgesetzt gewesen. Soziale Isolation und die Abhängigkeit vom Vorgesetzten würden ausgenutzt.

Das Bündnis empfiehlt zur Vorbeugung mindestens abschließbare Zimmer und von Männern getrennte Sanitärräume sowie eine Hilfsanlaufstelle. Die Bedingungen vor Ort überprüft das Bündnis bei Feldbesuchen, dort verteilen sie Flyer und informieren die Arbeiterinnen und Arbeiter über ihre Rechte. Rund 31.000 Arbeitskräfte seien 2024 direkt erreicht worden.

Überstunden, keine ausreichende Krankenversicherung

Die Arbeitsbelastung bei der ohnehin schon anstrengenden Feldarbeit sei hoch, bis zu zwölf Stunden Akkordarbeit habe es auch im vergangenen Jahr gegeben. Problematisch werde es dann, wenn sich die Arbeitskräfte verletzen: Die Gruppenversicherungen für die Menschen, die vor allem aus osteuropäischen Staaten kommen, seien nicht ausreichend so die Initiative und deckten nicht ab, was eine gesetzliche Krankenversicherung hierzulande biete.

Ein weiteres Problem sei auch, wie die Arbeitskräfte überhaupt angeworben werden: Immer wieder gebe es private Vermittler, die eine illegale Gebühr von den Saisonarbeitern verlangten. Zum Teil würden ihnen dann auch keine vollständigen Arbeitsverträge ausgehändigt, in denen sich Arbeitsstunden und Konditionen nachvollziehen lassen.

Druck von der EU?

Doch es gibt auch positives: Immer öfter würden die Helferinnen und Helfer auch sozialversicherungspflichtig angestellt, lobte das Bündnis. Und natürlich gebe es auch viele Höfe, die gute Bedingungen für die helfenden Hände bieten. Immerhin seien sehr viele deutsche Landwirtschaftsbetriebe auf sie angewiesen. Nicht nur Spargel, auch Gurken, Beeren, Weintrauben und Kürbisse müssen per Hand vom Feld geholt werden. 28 Prozent machen die Saisonarbeitenden dabei aus.

Das Bündnis hofft auf eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen durch Druck aus der Europäischen Union mit der so genannten Umsetzung der "sozialen Konditionalität". Damit werden Subventionen an landwirtschaftliche Betriebe an die Einhaltung von Arbeitsrecht geknüpft. Gibt es Verstöße beispielsweise beim Arbeitsschutz könnten EU-Gelder zurückgefordert werden. 

Auf dem Hof in Weiterstadt macht man sich für die Hochsaison im Spargelstechen bereit. 1.500 Kilo pro Tag rattern schon jetzt über die Förderbänder rund um Ostern kommt zum weißen auch noch grüner Spargel. Meinhardt betont, wie eng sie mittlerweile mit den Erntehelfern sei: "Sie verdienen Geld für ihre Familien Zuhause. Es muss auch niemand kommen - die Leute kommen freiwillig. Und ohne die Erntehelfer, die aus Rumänien kommen, gäbe es einfach auch keinen deutschen Spargel."