Julius Malema (M.)

Aufruf zum Mord oder Meinungsfreiheit? Wie ein Anti-Apartheid-Song heute Südafrika spaltet

Stand: 04.04.2025 18:42 Uhr

Verboten ist er nicht, aber der Anti-Apartheid-Song "Kill the Boer" spaltet Südafrika. Vertreter einer weißen Lobbyorganisation sprechen von Rassismus und sehen sich als Opfer. Die US-Regierung sperrt deshalb Finanzhilfen.

Von Stephan Ueberbach, ARD Johannesburg

"Kill the Boer, kill the farmer - tötet den Buren, tötet den Farmer!" Julius Malema, Chef der linksradikalen EFF-Partei, steht auf einem Podium in einem vollbesetzten Stadion. Das Video wird in den sozialen Medien gerade massenhaft geteilt. Zum Beispiel von Tesla-Chef Elon Musk, einem gebürtigen Südafrikaner.

Der Berater von US-Präsident Donald Trump will damit seinen Vorwurf untermauern, dass weiße Menschen in Südafrika ihres Lebens nicht mehr sicher seien. Dass weiße Bauern und Buren, die Nachkommen vor allem niederländischer Siedler, reihenweise von schwarzen Rassisten ermordet würden. Und dass die Regierung nichts dagegen unternehme.

"Kill the Boer" - für Musk ein klarer Aufruf zum Massenmord. Das findet auch die Lobbyorganisation AfriForum, die für die Interessen der Weißen kämpft und Sanktionen gegen Malema verlangt: "Wir fordern Regierungen weltweit auf, gegen Julius Malema persönlich Strafmaßnahmen zu verhängen. Wegen der schweren Verletzung von Menschenrechten durch das Verwenden des 'Kill the Boer'-Slogans." 

AfriForum-Chef Kallie Kriel bezeichnet seine Organisation als "Bürgerrechtsbewegung". Kritiker halten AfriForum dagegen für ein Sammelbecken rechts- und rückwärtsgerichteter Populisten.

Gerade erst war eine Delegation des Lobbyverbands in Washington, um - wie es hieß - die US-Regierung aus Sorge um ihr Heimatland über "die wahre Lage der weißen Minderheit in Südafrika" zu informieren. Denn die würde gezielt diskriminiert. Die Botschaft kommt in den USA ganz offensichtlich an. Trump hat als erste Konsequenz bereits sämtliche Finanzhilfen für das Land am Kap auf Eis gelegt.

In Südafrika ist die Empörung groß: "Wer in der Welt herumläuft und Unterstützung sucht, um seine Probleme zu lösen, der spaltet das Land, anstatt es zusammenzuführen", sagt Präsident Cyril Ramaphosa.

Politologin: Weiße inszenieren sich als Opfer

Die Angst der Weißen vor Unterdrückung und Gewalt werde von interessierter Seite gezielt geschürt, und zwar weltweit, glaubt die Politologin Nicky Falkov von der Witwatersrand-Universität in Johannesburg. Sie sagte dem Nachrichtenkanal eNCA: "Es ist ja nicht nur Elon Musk, der Donald Trump Gift ins Ohr spritzt. Es sind auch Leute wie AfriForum und ähnliche Gruppen, die weiße Menschen für überlegen und wichtiger halten als andere, und die glauben, dass Weiße die Opfer eines unfairen und rassistischen Systems sind."

Es gehöre zur Strategie der weißen Rechtspopulisten, sich in einer Opferrolle regelrecht zu inszenieren, sagt die Leiterin des Instituts für Diversitätsforschung. Und: Der Gewalt gegen Weiße werde immer eine besondere Bedeutung beigemessen.

"Es muss ein Völkermord sein", sagt Politologin Falkov, "eine gezielte, einzigartige, spezielle Gewalt. Wenn Weiße so etwas erleben, dann ist es nicht bloß irgendeine Gewalt." Damit solle zum Ausdruck gebracht werden, dass weißes Leben wichtiger sei als anderes, so Falkov. "Dass Weiße etwas Besonderes sind. Dass sie keine Opfer von Gewalt werden sollten, weil das unnatürlich und ungerecht ist."

Laut Falkov werde damit impliziert, dass es normal sei, wenn andere Leute Opfer von Kriminalität werden. Dass das in nichtweißen Gemeinschaften einfach dazugehöre. "Und das ist sehr verstörend, denn das bedeutet: Die schrecklichen Dinge, die anderen Menschen zustoßen, sind eigentlich gar kein Thema."

Das Oberste Gericht entschied auf Meinungsfreiheit

Der Streit um "Kill the Boer" schwelt seit Jahren. Schon 2010 hatte Julius Malema das Lied öffentlich gesungen - und die erwartbare Empörung der weißen Minderheit einkalkuliert, um sich als Vorkämpfer der benachteiligten schwarzen Mehrheit inszenieren zu können.

Dass AfriForum und andere das Lied gerichtlich verbieten lassen wollen und Malema als internationalen Kriminellen bezeichnen, kommt dem Linkspopulisten gerade recht: "Ich bin so froh, dass ich ein internationaler Krimineller bin", sagt Malema. "Denn Nelson Mandela haben sie auch so bezeichnet. Weil er für die Freiheit unserer Leute gekämpft hat." Er habe kein Verbrechen begangen, so Malema. "Ich will nur, dass schwarze Menschen würdig behandelt werden." 

Vor drei Jahren hat das oberste Gericht Südafrikas entschieden, dass "Kill the Boer" nicht wörtlich zu nehmen und vom Recht auf freie Meinungsäußerung gedeckt ist. Ein Berufungsantrag von AfriForum wurde gerade erst abgelehnt. Was Ernst Roets, der Vizechef des Lobbyverbandes, nicht nachvollziehen kann: "Wenn das Singen über den Mord an Menschen wegen ihrer Hautfarbe keine Hassrede sein soll, was denn dann? Hassrede ist, wenn man Menschen auf der Grundlage ihrer Identität angreift und dazu auffordert, gegen diese Menschen Gewalt anzuwenden."

Politische Mitte lehnt das Lied ab

Auch aus der südafrikanischen Regierung kommt Kritik an dem ehemaligen Anti-Apartheid-Song. Es gebe heute keine Rechtfertigung mehr, "Kill the Boer" zu singen, sagt etwa Fikile Mbalula, der Generalsekretär des Afrikanischen Nationalkongress ANC, der als möglicher Nachfolger von Präsident Ramaphosa gehandelt wird.

Und Willie Aucamp, der Sprecher der zweitgrößten Partei des Landes, der Demokratischen Allianz, hält das Lied für vollkommen inakzeptabel: "Auch wenn es Gerichtsurteile gibt - dieser Song ruft zu Gewalt auf, er spaltet das Land." Politiker wie Julius Malema müssten dafür zur Rechenschaft gezogen werden. "Bauern spielen in unserem Land eine wichtige Rolle. Die politische Führung muss sich für Frieden einsetzen, nicht für Spaltung. Darum sollte auch Präsident Ramaphosa dieses Lied öffentlich verurteilen."

Auch wenn das bisher noch nicht passiert ist: In der politischen Mitte Südafrikas scheint sich inzwischen die Haltung durchzusetzen, dass in einem Land, das sich mit großer Mehrheit um Aussöhnung bemüht, der "Kill the Boer"-Gesang zwar rechtlich in Ordnung sein mag, moralisch aber auf keinen Fall.