
"Vele" in Neapel Italiens Camorra-Ikone soll abgerissen werden
Das "Vele"-Viertel in Neapel war lange fest in der Hand der Mafia und einer der größten Drogenumschlagplätze Europas. Nun ist es die wohl berühmteste Baustelle Italiens - denn es soll abgerissen werden.
Salvatore und sein Kollege ziehen mit einer Art Flaschenzug Baumaterialien in eines der oberen Stockwerke. Seit letztem Sommer arbeitet der 38-Jährige auf einer der wohl berühmtesten Baustellen Italiens. Er hilft mit, die "Vele" von Scampia in der nördlichen Peripherie von Neapel abzureißen: riesige Hochhäuser, die ihren Namen "Vele" - Segel - ihrer dreieckigen Form verdanken.
Für Salvatore ist es ein besonderer Job, denn diese Baustelle war mal sein Zuhause. In der "Vela Celeste" hat er fast sein ganzes Leben verbracht. Salvatore steigt die Treppe zu einer Wohnung im dritten Stock hinauf - hier ist er geboren und aufgewachsen. "Das hier war die Küche, wo wir gegessen haben. Ich bin das jüngste von neun Kindern. Mit meinen Eltern waren wir elf", erzählt er.
Elf Personen in einer Dreizimmerwohnung. Doch die Enge war nicht das Hauptproblem. "Als ich zehn war, konnte ich erst rausgehen, nachdem mein Bruder nach Hause gekommen war, weil wir uns Socken und Schuhe geteilt haben. Zum Frühstück gab es nur altes Brot", sagt Salvatore.

Seit den 1980er-Jahren kontrollierte die Mafia die Wohnsilos der "Vele". Sie wurden zu einem der größten Drogenumschlagsplätze Europas
Lebensfeindliche Wohnsilos
Die "Vele" wurden in den 1960er- und den frühen 1970er-Jahren gebaut, jeweils etwa 100 Meter lang und an der höchsten Stelle 45 Meter hoch. Sie sollten ein Vorzeigeobjekt des sozialen Wohnungsbaus werden, mit Wohnraum für bis zu 70.000 Menschen.
Doch noch vor der Fertigstellung ging das Geld aus. Aus dem Vorzeigeprojekt entstanden lebensfeindliche Wohnsilos, ohne Isolierung, teilweise ohne Wasseranschluss. Als die Region Neapel 1980 von einem schweren Erdbeben erschüttert wurde, verloren Zehntausende ihr Zuhause. Viele von ihnen hat man in die "Vele" einquartiert - wie auch Salvatores Familie.
Allein mit seinem Gehalt als Gemeindemitarbeiter konnte Salvatores Vater die Großfamilie kaum durchbringen. "Sagen wir so, wir haben uns arrangiert. Wir haben Mist gebaut in unserem Leben", schildert Salvadore diese Zeit. Was genau er damit meint, wird er erst später verraten.

Ehemalige Bewohner der "Vele" halten ein Banner fest, mit dem sie sich von dem napolitanischen Viertel verabschieden. Denn es wird abgerissen.
"Im Knast wegen dieses Viertels"
In den 1980er-Jahren übernimmt zunehmend die organisierte Kriminalität, die Camorra, die Kontrolle über die "Vele". Sie werden zu einem der größten Drogenumschlagsplätze Europas. Unzählige Morde erschüttern das Viertel, weil rivalisierende Clans um die Vorherrschaft kämpfen - verfilmt in der Serie "Gomorrha". Gedreht wurde an den Originalschauplätzen: den "Vele" von Scampia.
Salvatore hat bei den Dreharbeiten damals zugeschaut. Er fand die Serie teilweise übertrieben. Doch so ganz weit hergeholt scheint sie doch nicht gewesen zu sein. "Drei meiner Geschwister sind im Gefängnis. Die Hälfte meiner Familie hat mit Drogen gedealt. Auch meine Schwester ist im Gefängnis, aber sie hat nicht gedealt. Die Hälfte meiner Familie ist im Knast wegen dieses Viertels."
Dass die Camorra hier ungehindert ihr Unwesen treiben konnte, hat auch etwas mit der Architektur zu tun: Die Gänge sind dunkel, eng verschachtelt und unübersichtlich. Allein die Bauweise erschwerte die Arbeit der Polizei erheblich.
Die Architektur sei aber nicht allein Schuld an den unhaltbaren Zuständen, sagt Laura Lieto, selbst Architektin und Vizebürgermeisterin von Neapel: "Man muss anerkennen, dass Architektur nicht nur für sich allein stehen kann. Sie ist immer nur ein Teil eines großen sozialen Projekts. Wenn dieses soziale Projekt nicht durch andere Maßnahmen im Bereich von Arbeit, Bildung, Unterstützung der wirtschaftlich Schwachen und Maßnahmen zur Stadtentwicklung, unterstützt wird, kann es nicht funktionieren."
Ein Neustart für das Viertel
Bereits Ende der 1990er-Jahre begann die Stadt Neapel, die Bewohner umzusiedeln. Vier der ursprünglich sieben "Vele" wurden bis 2020 abgerissen. Doch erst diesen Januar haben die letzten Bewohner die "Vele" verlassen. Drei Monate später rücken erneut die Bagger an. Unter dem Jubel der ehemaligen Bewohner beginnt der Abriss von zwei weiteren Gebäuden. Es soll ein Neustart für Scampia sein:
Salvatore steht auf dem Balkon seiner alten Wohnung und zeigt auf eine große Baustelle: "Da kommen die neuen Wohnungen hin, eine Schule, ein Spielplatz für die Kinder und die "Vela" hier soll bleiben, daraus soll eine Art Mahnmal für Scampia werden."Die "Vela", in der er aufwuchs, soll als einzige nicht abgerissen werden. Stattdessen sollen dort Teile der Stadtverwaltung, ein Studentenwohnheim, Geschäfte und Büros einziehen. Es wäre besser, wenn auch das Gebäude abgerissen würde, meint Salvatore.
Unten auf der Baustelle arbeiten sie an der Zukunft des Viertels: "Restart Scampia" heißt das Mega-Projekt - ein Neustart soll es sein. Geplant sind Wohngebäude, ein Bürgerzentrum, Kitas, alles ökologisch und nachhaltig.
Die Fehler von damals wolle man unbedingt vermeiden, erklärt Emanuele di Palo, dessen Baufirma die neuen Gebäude errichten soll: "Heute wurden, im Gegensatz zu früher, zuerst die Dienstleistungen und die Infrastruktur geschaffen. Die Planung ist darauf ausgerichtet, dass die Bewohner von Scampia sich hier eigenständig mit allem versorgen können." Die ersten Gebäude sollen in eineinhalb Jahren fertig sein. Ob wirklich alles so kommt, wie es sich Stadt und Baufirmen ausmalen? Salvatore ist skeptisch.
Aber so schlimm wie früher wird es nicht mehr, glaubt er. "Der Staat hat hier gewonnen. Heute gibt es Leute aus den 'Vele', die Anwälte, Richter, Direktoren und Ingenieure geworden sind. Es gibt Hoffnung." Hoffnung auf das Ende eines dunklen Kapitels und vor allem - auf einen Neuanfang.
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