Teilnehmer der NATO-Übung in Ulm

NATO-Logistik-Übung Brettspiel für den Ernstfall

Stand: 26.03.2025 05:16 Uhr

Wie können Tausende verwundete Soldaten möglichst schnell versorgt werden? Wie sähen Transportwege durch Europa aus? In Ulm übt die NATO für den Ernstfall - analog mit einer Art Brettspiel.

Von Frank Wiesner, SWR

Das NATO-Kommando in Ulm ist diese Woche in eine internationale Übung eingebunden. Sie heißt Steadfast Foxtrott 2025. Teil dieser Übung ist eine Simulation namens "Wargame". Dabei spielen Offiziere aus den NATO-Mitgliedstaaten verschiedene Szenarien in einem bewaffneten Konflikt mit Russland durch - und zwar rein analog.

Eines der Szenarien: Wie können 6.500 verwundete Soldaten möglichst schnell versorgt werden? Dabei sollen sie von der Front abtransportiert und in ein Krankenhaus in ihrem Heimatland verlegt werden. Kein einfaches Unterfangen, sagt der Ulmer Kommandeur General Rohrschneider. Denn der Rücktransport muss mit anderen Bewegungen in Einklang gebracht werden, wie Flüchtlingsströme und Materialtransporte zur Front und auch von der Front weg.

Ein erstes Ergebnis der Übung, die noch bis Freitag dauert, steht schon jetzt fest: Um die Transporte über die Staatsgrenzen innerhalb Europas stemmen zu können, müssen nationale nicht-militärische Organisationen mit einbezogen werden. Die Kommunikation mit diesen zivilen Einrichtungen wie zum Beispiel den Betreibern von Häfen und Flughäfen sei Teil der Übung, so Rohrschneider.

Ulm spielt dabei eine besondere Rolle: In der Wilhelmsburgkaserne befindet sich nach NATO-Angaben der größte Stützpunkt der NATO, der verantwortlich ist für alle Truppenbewegungen im NATO-Gebiet von der Ostküste der USA bis an die ukrainische Grenze. Außerdem befindet sich in Ulm eines von fünf Bundeswehrkrankenhäusern in Deutschland, in dem schon jetzt verwundete Soldaten aus der Ukraine medizinisch behandelt werden.

Eine Art riesiges Brettspiel

Interessant ist dabei, wie geübt wird. In einem fensterlosen, speziell gesicherten großen Raum sind mehr als 70 Offiziere aus mehr als 20 Nationen an verschiedenen Tischen versammelt. Überall liegt eine Art riesiges Brettspiel drauf, das den Frontverlauf vom Nordkap bis ans Mittelmeer zeigt. Auf dieser militärischen Landkarte verschieben die Offiziere Spielchips, die verwundete Soldaten symbolisieren. Dadurch lernen sie, was nötig ist, um die Transporte zu organisieren. Die Übung namens "Wargame" findet also überwiegend analog statt und ist damit nicht angreifbar für Computerhacker.

Steadfast Foxtrott heißt die Übung insgesamt, "Wargame" ist ein Teil davon. 23 Nationen sind beteiligt. Trainiert werden die Abläufe nicht nur für Transport und Versorgung von verwundeten Soldaten im Ernstfall, sondern auch für große Truppenbewegungen quer durch Europa.

Teilnehmer der NATO-Übung in Ulm

Eine Art riesiges Brettspiel zeigt den Frontverlauf der Übung vom Nordkap bis ans Mittelmeer.

Erstmals Zutritt für Journalisten

Erstmals haben Journalisten dabei Zutritt in einen Sicherheitsbereich des NATO-Kommandos in Ulm, das diese Transporte und Truppenbewegungen koordiniert. Es ist der Raum, in dem "Wargame" stattfindet. Der Raum ist so groß wie eine Sporthalle, hohe Decke, absolut fensterlos und speziell gesichert.

Neben den Spielszenarien sieht es aus wie in einem Großraumbüro einer Spedition. Menschen sitzen an Computerbildschirmen. Diese Menschen sind in Uniform. An großen Bildschirmen gibt es verschiedene Lagebilder.

Europaweites Verkehrsnetz

Vergangene Woche hat die EU-Kommission eine Strategie präsentiert, wie die Mitgliedstaaten ihre Verteidigungsfähigkeit verbessern können. Darin soll ein nationenübergreifendes Verkehrsnetz geschaffen werden für Truppentransporte. "Die Ära der Friedensdividende ist längst vorbei", sagte die EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen bei der Vorstellung dieser Strategie.

Flughäfen, Häfen sollen in ein Netz von Korridoren integriert werden, dass durch die EU verläuft und reibungslose und schnelle Transporte von Truppen und militärischer Ausrüstung durch die Partnerstaaten sicherstellt. Diese Transporte werden vom NATO-Kommando JSEC (Joint Support and Enabling Command) gesteuert. Dieses Wissen soll innerhalb des Standortes Ulm auch in ein EU-weites Kommando transferiert werden.

Für das Training hat die NATO eine Simulation namens "Wargame" entwickelt, die einen bewaffneten Konflikt darstellt, in den die NATO-Staaten eingebunden sind - also den Bündnisfall nach Artikel 5 des Nordatlantikvertrages. Neben dem Transport und der Versorgung von verwundeten Soldaten spielen sogenannte Regional-Pläne eine Rolle. Dabei geht um die schnelle Aktivierung von Ressourcen in verschiedenen Regionen Europas und deren Eingliederung in die NATO-Befehlsebenen.

Ziel des "Wargame" ist nicht, einen Sieger des Krieges festzustellen, heißt es dazu in einer Pressemitteilung der NATO. Vielmehr sollen die bestehenden Abläufe in dieser Übung analysiert und dadurch Optimierungspotenzial identifiziert werden. Möglicherweise nehmen die Erkenntnisse der Übung auch Einfluss auf europäische Gesetzgebungen.

Dieses Thema im Programm: Über dieses Thema berichtete SWR1 am 25. März 2025 um 16:30 Uhr.