
Rekrutierung von Rechtsextremen "Pedo-Hunting" als neue Strategie
Laut dem Verfassungsschutz setzen Rechtsextreme zunehmend auf das Thema Pädokriminalität. Mit Aktionen wie dem "Pedo-Hunting" treffen sie auch auf gewaltbereite, bislang eher unpolitische Jugendliche.
Das Bundesamt für Verfassungsschutz sieht eine neue Tendenz bei Rechtsextremen: Als Aktionsform setzen sie verstärkt auf das Thema "Pädophile" - etwa durch sogenanntes "Pedo-Hunting". Dadurch geraten auch queere Menschen ins Visier. In Schleswig-Holstein ermittelt aktuell das Landeskriminalamt.
Bei der Tätergruppe soll es sich vor allem um "junge Männer" handeln. Über soziale Medien sollen sie Kontakt zu Personen aufgenommen haben, denen sie "pädophile Neigungen zugeschrieben" haben, um dann "Straftaten gegen diese zu verüben," schreibt das Landeskriminalamt (LKA) Schleswig-Holstein auf Anfrage des SWR. Opfer seien auch Menschen, die sich selbst als queer identifizieren.
Nach SWR-Informationen sollen Fake-Profile von vermeintlich Minderjährigen eine Rolle gespielt haben. Laut LKA gebe es bei der Tätergruppe "klare Bezüge" zum Bereich der "politisch motivierten Kriminalität - rechts". Genauere Angaben dazu wollte die Behörde wegen laufender Ermittlungen nicht machen.
Razzien in Österreich
Zuletzt hatten ähnliche Fälle in Österreich für Aufsehen gesorgt: Ermittler im Bundesland Steiermark nahmen im März nach umfangreichen Razzien 20 Personen fest, davon sind 13 in Untersuchungshaft. Sie sollen mit Fake-Accounts in sozialen Netzwerken Homosexuelle gezielt angelockt und dann erniedrigt, beraubt und misshandelt haben.
In diesem Fall betont die Polizei, dass es sich bei den insgesamt 17 Opfern ausdrücklich nicht um Pädophile handele. "Es ging um die pure Lust auf Gewalt", sagte ein Sprecher der Landespolizeidirektion dem SWR.
Nach Medienangaben sollen einige der Beschuldigten Kontakte in die rechtsextremistische Szene haben. Die zuständige Staatsanwaltschaft prüft noch, ob es Bezüge "zu rechtsextremem Gedankengut" gibt. Einer der Beschuldigten, dem ein versuchter Mord vorgeworfen wird, soll ein deutscher Staatsbürger sein, der nach SWR-Informationen ursprünglich aus Bayern stammt.
Netzwerke in Deutschland
Wie weit verbreitet ist diese Vorgehensweise in der extrem rechten Szene in Deutschland - über die aktuellen Ermittlungen in Schleswig-Holstein hinaus? Das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) bestätigt auf SWR-Anfrage, man wisse von Fällen, in denen Rechtsextremisten "Fake-Profile" in sozialen Netzwerken einrichteten, dort "als junge Heranwachsende" auftraten und dann gezielt den Kontakt zu tatsächlichen oder vermeintlichen Pädophilen oder zu Angehörigen der LGBTQ-Bewegung suchten. In solchen Fällen könne es zu körperlichen oder verbalen Attacken kommen.
Zwar sei das so genannte "Pedo-Hunting" nicht per se eine rechtsextremistische Agitationsform, da diese auch von anderen gewaltaffinen Akteuren genutzt werde. Man wisse allerdings von einer "kleine[n] Anzahl" an 'Pedo-Hunting'-Gruppierungen mit Bezug zum Rechtsextremismus”.
Zuletzt hatte die Bundesregierung im Oktober 2024 in einer parlamentarischen Anfrage die als rechtsextremistisch geltende Gruppierung "Deutsche Jugend Voran" genannt, die eine Chatgruppe mit dem Namen "Pedo Hunting" betrieben habe. Darin seien Inhalte geteilt worden, "die als implizite Aufforderungen zu Aktionen" gegen vermeintlich Pädophile verstanden werden könnten.
Russischer Neo-Nazi als Vorbild
Laut Bundesverfassungsschutz orientieren sich vor allem junge rechtsextremistische Täter an dem 2020 verstorbenen russischen Neonazi Maxim Marzinkewitsch, der auch unter dem Namen "Tessak" bekannt wurde. Dieser hatte in den 2010er-Jahren mit seiner Bewegung "Occupy Pedophilia" systematisch Jagd auf vermeintliche "Pädophile" gemacht, wobei es sich jedoch oft um homosexuelle Personen handelte.
Fälle von "Pedo-Hunting" mit Gewaltanwendung oder Übergriffe auf Homosexuelle unter Nutzung von Fake-Accounts werden immer wieder öffentlich. Inwieweit dabei eine rechte Orientierung oder eine rechtsextremistische Gruppierung eine Rolle spielen, bleibt jedoch häufig unklar. Im Februar 2024 berichtete der HR über einen Fall, an dem Jugendliche, mutmaßlich aus der rechtsextremen Szene, beteiligt gewesen sein sollen. Bei einem weiteren Fall vom vergangenen Dezember prüft die zuständige Staatsanwaltschaft in Wiesbaden, ob es bei den mutmaßlichen Tätern "eine gefestigte ideologisch geprägte Gesinnung" gebe.
"Zentrales Agitations- und Mobilisierungselement"
Mit Bezug auf die Vorgänge in Österreich teilte der "Verband Queere Vielfalt" (LSVD+) dem SWR mit, man beobachte in den vergangenen zwei Jahren zwar eine Zunahme von Fällen mit der "Dating-App-Masche" und wisse von Fällen in Hessen, Nordrhein-Westfalen, Bayern, Niedersachsen, Berlin und Schleswig-Holstein. Angaben zu möglichen rechten oder rechtsextremistischen Hintergründen machte der Verband nicht.
Generell, so das Bundesamt für Verfassungsschutz, habe das Thema "Pädophilie" in der rechtsextremen Szene seit Anfang 2024 vor allem im virtuellen Raum jedoch an Bedeutung gewonnen. Eine genaue Erklärung dafür konnte die Behörde auf Nachfrage nicht liefern.
Das Thema Kindeswohl werde "für rechtsextremistische Politik und Narrative instrumentalisiert". Durch den Vorwurf der Pädophilie würden Feindbilder wie Homosexuelle legitimiert. "Die Strategie ist in sämtlichen rechtsextremistischen Strömungen präsent und wird im digitalen Raum als zentrales Agitations- und Mobilisierungselement eingesetzt," heißt es in der schriftlichen Stellungnahme.