
Frachtschifffahrt Mit Segelkraft sparsam und umweltfreundlich?
Im Frühjahr läuft die "Neoliner-Origin" vom Stapel. Der riesige Lastensegler soll bis zu 90 Prozent weniger Kraftstoff als herkömmliche Schiffe verbrauchen. Doch der Konkurrenzkampf am Transportmarkt ist hart.
Tuzla, ein Vorort von Istanbul, 40 Kilometer vom Zentrum der Millionenmetropole entfernt: Hier im Industriegebiet liegt die riesige RMK-Werft, die zur Koç Holding, einem der größten türkischen Konzerne, gehört. Hier wird der Prototyp eines kommerziellen Frachtsegelschiffs, die "Neoliner Origin" mit 3.000 Quadratmetern Segelfläche gebaut.
Der Auftrag kommt vom französischen Konzern Neoline Développement. Das Unternehmen wurde von Fachleuten aus der Schifffahrt gegründet, die überzeugt sind, dass Frachter mit Segelantrieb signifikant zu einer emissionsärmeren Schifffahrt beitragen können. In Tuzla sind etwa 700 Ingenieure und Arbeiter an dem 136 Meter langen und 24 Meter breiten Schiff tätig, sagt İrem Eşyar Kızıloğlu, die leitende Ingenieurin. Hier in Tuzla hat man große Erfahrung beim Schiffbau mit umweltfreundlicher Technologie.
Abgeschirmt von der Außenwelt
Die Werft ist gut gesichert. Das ARD-Team hat schon vor Wochen einen Termin angefragt. Nun dürfen wir auf das Gelände. Filmen ist uns aber nicht erlaubt, denn hier werden nicht nur Lastsegler gebaut und repariert, sondern auch Luxus-Yachten und vor allem Kriegsschiffe. Neben der "Neoliner Origin" wird gerade an einer Fregatte für die Ukraine geschraubt.
Voraussetzung für den Besuch: Schutzkleidung, Helm und Brille. Schiffbau-Ingenieurin Kızıloğlu und Pressechef Hakan Girgin haben auf ihrem Helm die jeweilige Blutgruppe stehen. Sicherheit wird hier großgeschrieben. Das will man auch den Gästen zeigen.
Frachtschiff auf den Weltmeeren
Am Pier vor dem Segler liegt aufgerollt auf einer gigantischen Rolle das speziell entwickelte Carbon-Segel. 3.000 Quadratmeter Fläche hat dieses Hauptsegel, gefertigt aus Fiber-Carbon. Per Knopfdruck kann es auf die etwa 80 Meter hohen Masten aufgezogen werden. Zusätzlich gibt es an den Masten noch das deutlich kleinere Schiffsegel.
Das Schiff ist mit zwei einklappbaren Carbon-Masten ausgestattet, die in Frankreich hergestellt wurden. Um die optimale Nutzung und die optimalen Winde zu berechnen ist ein von D-ICE Engineering entwickeltes hocheffizientes Wetter-Routing-System als Technik installiert.
Besonders umweltfreundlich?
"Das Schiff ist mein Baby", sagt Kızıloğlu. Die Ingenieurin und stellvertretende Projektleiterin ist an der renommierten technischen Yıldız Universität in Istanbul ausgebildet worden. Seit vier Jahren kümmert sie sich um das Schiff. In der Entwicklung stecken mehr als zwölf Jahre Arbeit. Die Idee kam von der französischen Reederei Neoline Armateur, welche dann mit RKM einen Vertrag zum Bau des Lastenseglers geschlossen hat. Das Schiff kann bis zu 1.000 20-Fuß-Standard-Container transportieren. Das maximale Ladegewicht des Schiffes beträgt 5.300 Tonnen. Und neben der Besatzung gibt es auch Platz für zwölf Passagiere - eine zusätzliche Einnahmequelle.
Besonders stolz ist man hier in Tuzla auf die Umweltfreundlichkeit des Seglers. Kızıloğlu erklärt, dass das Schiff mit seinem Antrieb den Verbrauch fossiler Brennstoffe um mehr als 80 Prozent senken kann und dabei "die Kraft des Windes als primäre Antriebskraft nutzt". Die Treibhausgasemissionen können mit dem Schiff um bis zu 90 Prozent reduziert werden.
Große Pläne - enger Zeitplan
"Der Bau war eine riesige Herausforderung", sagt Kızıloğlu. Anfang Januar hielten dann alle in Tuzla den Atem an. Das riesige Schiff wurde das erste Mal zu Wasser gelassen. Bei der kurzen Fahrt im Marmarameer klappte alles. Bald sollen das erste Mal die Segel gesetzt werden. "Ein weiterer wichtiger Test", sagt Pressechef Girgin.
Noch in diesem Jahr soll der Segler nach Frankreich aufbrechen. Dort soll die 20-köpfige französische Besatzung den letzten Schliff erhalten. Dann wird die "Neoliner Origin" auf der Atlantik-Route zwischen Saint-Nazaire, Baltimore und Halifax fahren. Hier soll es die besten Winde für den Segler geben. Eine Geschwindigkeit von elf Knoten soll erreicht werden. Schon bei der ersten Fahrt soll Ladung an Bord sein.
Harter Konkurrenzkampf im Transportmarkt
Ziel ist es, mit Schiffen der Bauart der "Neoliner Origin" in den hart umkämpften, aber sehr lukrativen Container-Transportmarkt einzusteigen. "Dieser Markt wird zu 95 Prozent von Japan, China und Südkorea beherrscht", sagt Girgin. Über die Kosten des Prototyps will er aber nichts verraten. Nur so viel: Es sei "nicht billig". Hakan ist aber "überzeugt", dass die umweltfreundliche und energiesparende Technologie der "Neoliner Origin" sich durchsetzen wird und Frachter mit Segelantrieb so signifikant zu einer emissionsärmeren Schifffahrt beitragen könnten.
Nun muss sich zeigen, ob die neue Segeltechnologie praxistauglich oder doch eher eine Spielerei ist. RKM will auf alle Fälle erweitern und plant bereits eine weitere Werft in der Nähe, in Yalova.