Ein älterer Teilnehmer mit einem Therapie-Pferd im Health Active Ageing Centre in Singapur

Staatliche Programme Lange leben in Singapur

Stand: 16.02.2025 05:25 Uhr

In Singapur werden die Menschen besonders alt. Das Phänomen ist staatlich gelenkt. Durch gezielte Stadtplanung, gesundes Essen und digitale Anreize fördert Singapur einen aktiven Lebensstil.

Von Julia Kurrat und Florian Bahrdt, ARD-Studio Singapur

Der Staat Singapur wird in diesem Jahr 60 Jahre alt - für viele seiner Bürger ist das noch gar nichts. Immer mehr Menschen feiern hier sogar ihren 100. Geburtstag. So wie Loi Kok Jong, die vor einer riesigen Torte sitzt und sich von Freunden und Verwandten ein Geburtstagsständchen singen lässt. Partys mit Super-Alten steigen in Singapur immer häufiger. Frau Lois Geburtstag fällt in die Zeit der deutschen Weimarer Republik. Singapur war damals noch britische Kolonie.

Wie wird man 100 Jahre alt? Ihre Tochter Tan Ai Phan, 68 Jahre alt, vermutet: "Einfach leben, gut schlafen, eine Familie haben - das hat ihr immer gereicht. Ein sehr einfaches Leben. Sie hat nie nach glamourösen Dingen gestrebt oder Geld für teures Essen ausgegeben. Alles war schlicht und einfach."

Aber selten einsam oder trist. Frau Loi lebt so, wie 80 Prozent aller Menschen in Singapur. In sogenannten HDBs, staatlichen Wohnungen vom "Housing Developing Board", die Einheimische zu günstigen Bedingungen kaufen können. Nicht besonders hübsch, dafür liebevoll gepflegt. Hier wohnen Menschen unterschiedlicher Gesellschaftsschichten - miteinander und nicht nebeneinanderher.

Wohnen mit Konzept: Soziale Strukturen für ein langes Leben

Die HDBs sind staatlich geförderte Wohnungen, die sich durch ein ausgeklügeltes Sozialkonzept auszeichnen. Die Gebäude sind so gestaltet, dass Nachbarschaft und Bewegung gefördert werden. Es handelt sich ausschließlich um Eigentumswohnungen. Die werden in der Regel auch besser gepflegt.

Die ethnische Zusammensetzung der Bewohner entspricht in jedem HDB der Zusammensetzung im Stadtstaat. Damit will Singapur vermeiden, dass sich verschiedene Religionsgemeinschaften, Kulturen oder Ethnien voneinander abkapseln. Einen bevorzugten Zuschlag bekommen zum Beispiel Kinder, die zu ihren Eltern ziehen. Der Gedanke dahinter: Mehr soziale Kontakte und ein freundschaftliches Klima fördern geistige und körperliche Aktivität. Das zahlt sich in Gesundheit und Lebensjahren aus.

Im Erdgeschoss gibt es Gemeinschaftsbereiche mit Kursangeboten und Freizeitaktivitäten. Pilates, Tai-Chi oder Tanzstunden - wer sich bewegt, bleibt gesund, so die Idee.

"Alle von uns wohnen direkt hier nebenan. Und wir haben Geschäfte unten. Das ist total angenehm. Alles ist hier: ein Café und ein Platz zum Essen, sagt Rentnerin Fharida Flursheim, die regelmäßig an einem Pilates-Kurs im Erdgeschoss ihres Wohnblocks teilnimmt. Das machen in Singapur fast alle so, und es ist normal. Denn alle wissen: Bewegung hält jung, genau wie soziale Kontakte: mehr Begegnung, bessere Laune, weniger Stress.

Gesunde Ernährung - staatlich unterstützt

Gesunde Ernährung ist in Singapur nicht teuer. In den beliebten Hawker Centern - den öffentlichen Food Courts - gibt es viele frische, ausgewogene Mahlzeiten zu günstigen Preisen. "Healthier Choice"-Aufkleber an den Ständen kennzeichnen gesündere Optionen mit Vollkornprodukten oder besserem Öl.

Andrea Maier vom Center for Healthy Longevity an der National University of Singapore erklärt: "In den Hawker-Zentren gibt es jetzt gesündere Essensoptionen. Die Regierung fördert Wissenstransfer - von staatlichen Kampagnen bis hin zu einzelnen Familien. Viele entscheiden sich bewusst für gesündere Lebensmittel, weil sie nicht krank werden wollen."

Eine Stadt, die zu Bewegung motiviert

Singapur will seine Bewohner aktiv halten - und setzt dafür gezielt auf Stadtplanung. Parks und Grünanlagen sollen für alle in maximal zehn Minuten erreichbar sein. Der öffentliche Nahverkehr ist effizient und günstig, Autofahren dagegen teuer. Wer mehr zu Fuß geht, bleibt fitter und wird älter, so die Logik.

Singapur versteht gesundes Altern nicht als Privatsache seiner Bürger, sondern als gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Darum investiert der Stadtstaat Millionen in diese Infrastruktur - mit dem langfristigen Ziel, das Gesundheitssystem zu entlasten, weil die Leute nicht nur länger, sondern auch gesünder leben.

Digitaler Anreiz: Mit App und Punkten für ein gesundes Leben

Um dieses Ziel zu erreichen, versucht die Regierung, auch junge Generationen anzusprechen, stellt unter anderem kostenlose Fitness-Tracker bereit, die mit einer Gesundheits-App verbunden sind. Nutzer sammeln Punkte für jede Aktivität - sei es ein Spaziergang, eine Trainingseinheit oder gesunde Einkäufe im Supermarkt. Jeremy Chow, 32, ein Nutzer der App, erklärt: "Wenn ich zum Beispiel ins Fitnessstudio gehe, aktiviere ich den Tracker, und wenn meine Herzfrequenz über 120 geht, wird das als moderate Aktivität erkannt. Schon nach zehn Minuten bekomme ich Punkte, die ich dann als Gutschein im Supermarkt einlösen kann."

Auch beim Einkaufen zahlt sich ein gesunder Lebensstil aus: Ein offizielles "Healthier Choice"-Label markiert auch hier besonders gesunde Produkte, und beim Bezahlen gibt es erneut Punkte. "Man bekommt neben dem Kassenzettel einen QR-Code zum Scannen mit der App. Für jedes gesunde Lebensmittel gibt es neue Punkte. Es ist ein bisschen Spielerei - aber Singapurer mögen so etwas einfach", sagt Jeremy.

Lebenserwartung von durchschnittlich 85 Jahren

Während viele Länder auf Prävention durch Kampagnen setzen, geht Singapur einen Schritt weiter: Der Staat schafft Strukturen, die gesundes Verhalten selbstverständlich machen. Langlebigkeit wird hier also nicht dem Zufall überlassen - sondern durch eine clevere Kombination aus Stadtplanung, Gesundheitsförderung und digitalen Anreizen aktiv gesteuert.

"Oft denken wir, dass Personen sich entscheiden müssen, etwas zu tun oder zu lassen. Aber mittlerweile wissen wir, dass man psychologische Anreize braucht. Und so machen wir das in Singapur: Wir versuchen die Leute anzuschubsen zu einem Verhalten, das gesünder ist als jenes, das sie vielleicht sonst gewählt hätten", erklärt Andrea Maier.

Wer heute in Singapur geboren wird, hat eine Lebenserwartung von durchschnittlich 85 Jahren. Auch in dieser Hinsicht belegt der reiche Stadtstaat mal wieder einen weltweiten Spitzenplatz.

Dieses Thema im Programm: Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 25. Januar 2025 um 13:54 Uhr.