Palästinenser laufen neben zerstörten Gebäuden durch Gaza-Stadt im Gazastreifen.

Offensive im Gazastreifen "Diese Gebiete gehen an den Staat Israel über"

Stand: 02.04.2025 17:58 Uhr

Aus seinen Plänen macht Israel keinen Hehl mehr: Die Regierung will größere Gebiete des Gazastreifens dauerhaft unter ihre Kontrolle bringen. Hunderte Palästinenser sind in einer erneuten Offensive getötet worden.

Von Jan-Christoph Kitzler, ARD Tel Aviv

Benjamin Netanjahu, Israels Premierminister, hatte vor dem Parlament schon vor ein paar Tagen große Dinge angekündigt - aus israelischer Sicht. Da hatten schon neue, schwere Luftangriffe im Gazastreifen begonnen: "Wir werden das Gesicht des Nahen Ostens ändern. Die Kampfhandlungen werden im Gazastreifen fortgeführt, und je mehr die Hamas an ihrer Weigerung festhält, unsere Geiseln freizulassen, wird unser Druck größer und stärker", so Netanjahu. "Dazu gehört auch die Einnahme von Gebieten und noch weitere Dinge, die ich hier nicht ausführen werde."

Sophie von der Tann, ARD Tel Aviv, über Israels Vorhaben im Gazastreifen

tagesthemen, 02.04.2025 23:15 Uhr

Inzwischen ist klar, dass Israel große Teile im Süden des Gazastreifens räumen lässt. Palästinenser wurden beispielsweise aus der Stadt Rafah, ganz im Süden an der Grenze zu Ägypten, vertrieben. Seit die Offensive vor etwa zwei Wochen mit schweren Luftangriffen begonnen hat, sind nach palästinensischen Angaben schon mehr als 1.000 Menschen getötet worden, darunter auch zahlreiche Frauen und Minderjährige.

"Gebiete gehören nicht mehr den Palästinensern"

Der frühere General Yiftach Ron-Tal erklärte im israelischen Armeeradio heute den Plan dahinter: "Wir weiten das aus. Das heißt, dass wir die sogenannten Sicherheitszonen ab jetzt ausweiten. Diese Gebiete gehören bis auf Weiteres nicht mehr den Palästinensern, beziehungsweise der Hamas, sondern gehen an den Staat Israel über." Es gehe um die Ausweitung des Philadelphi-Korridors, städtischen Gebiet von Rafah und auch Teile im Westen. "Das ist sehr bedeutend und bezieht sich natürlich auch auf den nördlichen Teil des Gazastreifens."

Israel plant aber nicht nur größere Gebiete im Gazastreifen dauerhaft unter seine Kontrolle zu bringen. Es geht vor allem auch um Druck auf die Hamas und auf die Bevölkerung. Verteidigungsminister Israel Katz hatte von Gebieten gesprochen, die "den Sicherheitszonen des Staates Israel angegliedert werden sollen". "Bewohner von Gaza, die Hamas setzt eure Leben aufs Spiel, sorgt dafür, dass ihr eure Häuser verliert und immer mehr Gebiet in Israels Verteidigungsstruktur eingegliedert wird", so der Minister. "Verlangt die Beseitigung der Hamas in Gaza und die sofortige Freilassung aller israelischen Geiseln. Das ist der einzige Weg, um den Krieg zu beenden."

Kaum noch Proteste gegen die Hamas

Tatsächlich hatte es vor ein paar Tagen im Gazastreifen erste Proteste gegen die Hamas gegeben, an denen sich Tausende beteiligt hatten. Inzwischen sind sie abgeebbt - teilweise wurden sie von der Hamas unterdrückt. Im Internet kursieren Aufnahmen, die die Exekution eines Polizisten durch Mitglieder eines Clans in Deir El Balah zeigen sollen. Er soll versucht haben, einen Massenauflauf von Menschen aufzulösen, die auf der Suche nach Mehl waren. "Nun soll die Hamas Dir helfen!", riefen seine Mörder.

Zum Druck Israels auf die Menschen im Gazastreifen gehört auch die Blockade von Hilfsgütern. Seit mehr als vier Wochen kommen keine Nahrung, kein Wasser, kein Treibstoff und kein medizinisches Material in das flächendeckend zerstörte Gebiet.

Auch viele Frauen und Kinder getötet

Währenddessen gehen die schweren Luftangriffe weiter: So starben bei einem Angriff in Chan Yunis am Morgen nach palästinensischen Angaben mindestens 12 Menschen, darunter Frauen und Kinder.

Rida Al Jabbour, eine Palästinenserin auf der Flucht in Chan Yunis, zeigte einem Team von Reuters die Leichen - beziehungsweise Teile von ihnen. Unter den Toten: eine Frau und ihre kleinen Kinder. "Sie hat ihre Kinder umarmt. Was für ein Unglück", sagt sie. "Sie wollte fliehen und hatte zwei Mädchen. Eines hat sie vor dem Ramadan geboren." Es war also erst wenige Wochen alt.

Und Israel will die Luftangriffe und den Vormarsch ausweiten - im Süden und auch im Norden des Gazastreifens. Dafür wurden viele weitere Bodentruppen in das Gebiet beordert.

Jan-Christoph Kitzler, ARD Tel Aviv, tagesschau, 02.04.2025 18:03 Uhr

Dieses Thema im Programm: Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 02. April 2025 um 18:00 Uhr.