Bundestagswahl 2025
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Bundestagswahl Warum die AfD auch im Südwesten erfolgreich ist
Der Osten größtenteils AfD-blau, der Rest vor allem CDU-schwarz: So sieht die politische Landkarte nach der Wahl aus. Doch auch in Baden-Württemberg erzielte die AfD Rekordergebnisse.
"Ich bin zutiefst zufrieden", sagt Diana Zimmer. Die AfD-Politikerin wird in den neuen Bundestag einziehen, über die Landesliste. Im Kampf ums Direktmandat im Wahlkreis Pforzheim ist sie allerdings dem Kandidaten der CDU unterlegen.
Die AfD hatte gehofft, mit der 26-Jährigen das erste Direktmandat in den alten Bundesländern zu erringen. Denn bei der Kommunalwahl im vergangenen Jahr ist die AfD in Pforzheim stärkste Kraft geworden, seitdem führt Zimmer dort die stärkste Fraktion im Gemeinderat. Die AfD wollte diesen Erfolg nun bei der Bundestagswahl wiederholen. Und tatsächlich erhielt Zimmer sogar noch mehr Stimmen als bei der Kommunalwahl: 26,9 Prozent.
Das sind allerdings gut zehn Prozentpunkte weniger, als der langjährige CDU-Bundestagsabgeordnete Gunther Krichbaum bekommen hat (37,1 Prozent). Krichbaum, seit 2002 für Pforzheim im Bundestag, fuhr laut Zimmer "eine massive Erststimmenkampagne", um einen AfD-Erfolg zu verhindern, und erhielt wohl auch Stimmen von Anhängern anderer Parteien.
Schon die rechten Republikaner waren in Pforzheim erfolgreich
Pforzheim gilt seit jeher als konservativ, teilweise auch als rechts: Schon die Republikaner, in den 1990er-Jahren in Baden-Württemberg sehr erfolgreich, hatten hier eine Hochburg. Außerdem ist die NPD (heute: "Die Heimat") immer wieder präsent in Pforzheim: Die Rechtsextremisten versuchen seit Jahrzehnten, das Gedenken an die Bombardierung der Stadt im Jahr 1945 zu instrumentalisieren. Am Sonntag marschierten rund 70 Neonazis in Pforzheim auf, zu einer sogenannten "Fackelmahnwache".
Demgegenüber standen 300 Menschen, die sich am Sonntagabend zu einer friedlichen Kundgebung samt Lichtermeer versammelten. Der Grund: Am 23. Februar 1945 bombardierten britische Kampfflugzeuge die Pforzheimer Innenstadt, fast 18.000 Menschen starben. Ausgerechnet am Wahlsonntag jährte sich die weitgehende Zerstörung der Stadt also zum 80. Mal. Die AfD feierte deshalb nicht in Pforzheim, sondern im 30 Kilometer entfernten Leonberg: "aus Pietät", sagt Diana Zimmer.
In einem Viertel wählt die Mehrheit AfD
Zimmers Vorfahren lebten zur Zeit des Zweiten Weltkriegs noch nicht in Pforzheim - sondern als Wolhynien- und Wolgadeutsche in der damaligen Sowjetunion. 1996 kamen ihre Eltern als Spätaussiedler nach Pforzheim, 1998 wurde Zimmer geboren und wuchs auf dem Haidach auf. In der Wohnsiedlung im Südosten Pforzheims leben viele Russlanddeutsche: Im Supermarkt hängen kyrillische Werbetafeln, die Verkäuferinnen sprechen Russisch. Im Stadtteil Buckenberg, zu dem der Haidach gehört, erhielt Zimmer 60,9 Prozent der Erststimmen, und auch das Zweitstimmenergebnis (57,3 Prozent) macht klar: Hier wählt die Mehrheit AfD.
Zimmer betont, dass sie aus einem konservativen Elternhaus komme: "Meine Eltern haben immer CDU gewählt." Doch die Christdemokraten seien unter Angela Merkel "nach links gerückt", findet Zimmer: "Wir geben dem Bürger jetzt das, was er erwartet."
Russlanddeutsche haben früher mehrheitlich CDU gewählt
Der Hintergrund von Diana Zimmer stehe geradezu exemplarisch für viele Russlanddeutsche, sagt Frank Brettschneider von der Universität Stuttgart-Hohenheim. "Die Russlanddeutschen gelten seit jeher als konservativ, lange Jahre haben sie mehrheitlich die CDU gewählt", so der Wahlforscher: "Dann sind viele umgeschwenkt und haben sich der AfD zugewendet." Der Zeitpunkt für diese politische Neuorientierung lasse sich ziemlich klar benennen, so Brettschneider: "die Flüchtlingskrise 2015". Dazu komme, dass viele aufgrund ihrer russischen Prägung anfälliger seien für russische Propaganda. Entsprechend fänden die russlandfreundlichen Positionen der AfD bei vielen Russlanddeutschen Zustimmung.
In Pforzheim insgesamt ist es der CDU diesmal gelungen, die AfD auf den zweiten Platz zu verweisen. So ist es fast überall in Baden-Württemberg: die CDU auf Platz eins, die AfD, die auch hier als rechtsextremer Verdachtsfall vom Verfassungsschutz beobachtet wird, auf Platz zwei; Ausnahmen bilden nur die Großstädte Stuttgart, Mannheim, Heidelberg, Karlsruhe und Freiburg sowie die Universitätsstadt Tübingen. "Es gibt eine rechte Tradition in Baden-Württemberg, vor allem im ländlichen Raum", sagt Brettschneider: "Daran knüpft die AfD an."
Angst vor einer "Deindustrialisierung"
Dass sie damit so erfolgreich ist, mag auf den ersten Blick verwundern: Schließlich ist Baden-Württemberg bekannt für seine starke Wirtschaft, insbesondere die Automobilindustrie. Trotzdem plagten gerade hier viele Wähler auch Verlustängste, so Brettschneider: "Die Erzählung von der 'Deindustrialisierung Deutschlands' verfängt hier besonders", sagt der Kommunikationswissenschaftler; Worte wie "Transformation", "Energiewende" und "Mobilitätswende" würden bei vielen Wählern negative Reflexe auslösen. Das schade nicht nur den Grünen, die in Baden-Württemberg enorm an Zustimmung verloren haben; es schade auch der CDU.
Bislang kann sich die CDU in Baden-Württemberg noch behaupten gegen die Konkurrenz von rechtsaußen. Auch im Wahlkreis Rottweil-Tuttlingen gewann sie das Direktmandat. Trotzdem erzielte die AfD hier ihr bestes Erststimmenergebnis in den alten Bundesländern: Für ihren Kandidaten Joachim Bloch stimmten 27,5 Prozent; auch das Zweitstimmenergebnis liegt bei gut 27 Prozent.
Spitzenergebnisse für die AfD in einzelnen Gemeinden
Die Strukturen sind ähnlich wie in Pforzheim: Auch Rottweil und Tuttlingen sind traditionell konservativ geprägt, dazu kommen russlanddeutsche Gemeinschaften, etwa in der zum Wahlkreis gehörenden Gemeinde Bubsheim: Hier lag die AfD vor der CDU.
So wie auch auf dem Haidach, der überwiegend von Russlanddeutschen bewohnten Wohnsiedlung in Pforzheim. "Dass wir dort, wo ich gewohnt habe, so stark sind, macht mich stolz", sagt die AfD-Politikerin Zimmer, die inzwischen in einem anderen Stadtteil lebt. Bald muss sie noch eine weitere Wohnung suchen: in Berlin, wo sie bald dem Bundestag angehören wird - so wie weitere 18 AfD-Abgeordnete allein aus Baden-Württemberg.