
ARD-DeutschlandTrend Union und AfD fast gleichauf
Eine Mehrheit der Deutschen rechnet mit einem Bündnis von SPD und Union. Allerdings lässt die Union Federn - wohl auch Folge des Kurswechsels von CDU-Chef Merz in der Schuldenpolitik. In der Sonntagsfrage liegt sie nur noch knapp vor der AfD.
Nachdem die letzten 24 Stunden wieder einmal von politischen Nachrichten aus den USA geprägt waren - sei es der mutmaßliche Rückzug von Elon Musk als Berater von US-Präsident Donald Trump oder der neue Reigen an US-Zöllen, den selbiger verkündet hat - zeigen sich hierzulande sowohl Sorgen als auch Entschlossenheit: Die Deutschen sind besorgt, dass die Zollpolitik der USA der deutschen Wirtschaft schadet, aber sie wollen das Gebaren der USA auch nicht einfach hinnehmen. Gut zwei Drittel (68 Prozent) wollen, dass die EU im Gegenzug höhere Zölle auf US-Produkte erhebt.
Auch auf die Nachrichten im Stundentakt von der anderen Seite des Atlantik müssen Union und SPD gemeinsame Antworten finden, so sie die künftige Bundesregierung stellen wollen. Eine deutliche Mehrheit (79 Prozent) glaubt an das Zustandekommen des Bündnisses - das zeigt der aktuelle ARD-DeutschlandTrend, für den infratest dimap von Montag bis Mittwoch dieser Woche 1.334 Wahlberechtigte befragt hat.
Sonntagsfrage: Union schwächer, AfD mit Höchststand
In den Parteipräferenzen gibt die Union zum Vormonat nach. Die CDU/CSU liegt in der Sonntagsfrage mit 26 Prozent (-3) schwächer als zuletzt und fällt auf den tiefsten Wert seit Oktober 2022. Die AfD erreicht mit 24 Prozent (+3) einen neuen Höchststand im ARD-DeutschlandTrend. Die SPD käme weiter auf 16 Prozent, die Partei der Grünen auf 11 Prozent (-1). Die Linke würde 10 Prozent (+1) erzielen. Das BSW (-1) entfernt sich von der Mandatsschwelle und wäre wie die FDP (+1) mit 4 Prozent derzeit ohne Chance auf einen Parlamentseinzug. Alle übrigen Parteien kämen zusammen auf 5 Prozent.
Ein Erklärungsansatz für die Einbußen der Union liegt im Kurswechsel nach der Wahl in Sachen Schuldenbremse und Kreditaufnahme, den Merz nach dem Eklat im Weißen Haus zwischen Trump und Selenskyj mit einer neuen politischen Lage begründet hatte. Diese Begründung halten nur 27 Prozent für glaubwürdig, 68 hingegen für nicht glaubwürdig. Einzig die Unions-Anhänger nehmen Merz diese Erklärung mehrheitlich als glaubwürdig ab. Auch jeder dritte Anhänger von CDU und CSU aber empfindet die Begründung für den Kurswechsel als nicht glaubwürdig.
Merz verliert an Zustimmung, Klingbeil gewinnt
Der Blick der Bürgerinnen und Bürger auf die führenden Personen beim Schmieden der schwarz-roten Koalition hat sich etwas verschoben: Zwar war das Meinungsbild der Deutschen zu Friedrich Merz in seiner Zeit als CDU-Vorsitzender noch nie überwiegend positiv. Aber mit 25 Prozent Zustimmung ist es jetzt auf einem auch für Merz eher niedrigen Niveau angekommen. Mitte Februar lag seine Zustimmung noch 10 Punkte höher.
CSU-Chef Markus Söder erreicht aktuell 35 Prozent Zufriedenheit (-2 im Vergleich zu März); SPD-Chef Lars Klingbeil legt im Bevölkerungsurteil zu: 35 Prozent sind aktuell mit seiner Arbeit zufrieden (+7), mit SPD-Chefin Saskia Esken sind hingegen nur 13 Prozent zufrieden. Einzig SPD-Verteidigungsminister Boris Pistorius erreicht weiterhin mehrheitliche Zustimmung für seine Arbeit (60 Prozent, -2).
Kompromisse werden geschätzt
Im Moment loten die Parteispitzen von CDU, CSU und SPD aus, wo auf den noch strittigen Feldern Kompromisse gefunden werden können. Dieses grundsätzliche Vorgehen findet deutlichen Rückhalt in der Bevölkerung: 82 Prozent finden es gut, wenn Politiker und Parteien Kompromisse eingehen, weil diese zur Koalitionsbildung und Demokratie gehörten. Nur 13 Prozent finden es schlecht, wenn Politiker Kompromisse eingehen und meinen, sie gäben damit ihre Prinzipien auf.
Unter den Anhänger von Union, SPD, Grünen und BSW äußern jeweils mehr als 90 Prozent ein positives Urteil über politische Kompromisse. Bei den Anhänger der Partei Die Linke liegt das Verhältnis bei 83 zu 10. Am deutlichsten setzen sich in dieser Frage die AfD-Anhänger ab: 60 Prozent äußern sich positiv zu Kompromissen bei der Koalitionsbildung, 34 Prozent negativ.
Gleichzeitig sind die Menschen in Sorge, ob dies gelingt: 20 Prozent machen sich sehr große und 53 Prozent große Sorgen darüber, dass die Parteien auf drängende politische Fragen keine gemeinsame Antwort finden.
Mehrheit für Vermögenssteuer
Über Positionen und Kompromisssuchen ist in den Koalitionsverhandlungen der letzten Wochen einiges nach außen gedrungen. Strittig scheinen einige große Themen, vor allem in Steuerfragen. Eine deutliche Mehrheit der Deutschen (69 Prozent) befürwortet den SPD-Vorschlag, eine Steuer auf hohe Vermögen einzuführen. Die Unions-Idee, den Solidaritätszuschlag endgültig für alle abzuschaffen - auch für Unternehmen und Gutverdiener - finden 39 Prozent den richtigen Weg, gut jeder Zweite (52 Prozent) aber fände es falsch. Eine weitere Unions-Position, Steuersenkungen für Unternehmen, geht hingegen für 56 Prozent in die richtige Richtung und für 33 Prozent in die falsche.
Rente, Asyl, Tempolimit und Wehrpflicht
Die größte Einigkeit bei den abgefragten Maßnahmen messen wir beim Thema Rente. Würde das Renteneintrittsalter von derzeit 67 Jahren weiter angehoben, dann fänden das 85 Prozent falsch und nur 12 Prozent richtig. Beim Thema Migration können sich 64 Prozent vorstellen, Asylverfahren in Staaten außerhalb der EU einzuführen, 23 Prozent lehnen das eher ab. Ein allgemeines Tempolimit von 130 km/h auf Autobahnen findet bei einer knappen Mehrheit (53 Prozent) Zustimmung, 42 Prozent wollen eine solche Beschränkung nicht.
Ein weiteres ungeklärtes Thema ist die mögliche Wiedereinführung der Wehrpflicht, für die sich die Union ausspricht, während die SPD skeptisch ist. Bis 2011 gab es in Deutschland die Wehrpflicht. Männer ab 18 Jahren konnten für mehrere Monate zum Wehrdienst in der Bundeswehr verpflichtet werden oder als Ersatz zum Zivildienst in sozialen Einrichtungen. Aktuell sprechen sich 22 Prozent für eine weitere Aussetzung des Wehr- und Zivildienstes aus; 27 Prozent wollen eine Wiedereinführung der alten Regelung und 45 Prozent wollen einen Wehr- und Zivildienst, der sowohl für Männer, aber auch für Frauen gilt.
Investitionen am liebsten in Bildung
Noch vom alten Bundestag verabschiedet wurde die Aufnahme von Krediten in Milliardenhöhe für Investitionen in Infrastruktur und Klimaschutz. Und die Deutschen haben klare Vorstellungen, wohin das Geld fließen soll. Die deutliche Mehrheit (60 Prozent) spricht sich für öffentliche Investitionen in Kitas, Schulen und Bildungseinrichtungen aus.
Weitere 38 Prozent wollen die Sanierung von Straßen, Brücken und Schienen prioritär behandelt wissen; 36 Prozent wollen in Gesundheitseinrichtungen investieren, 21 Prozent in die Schaffung von Wohnraum und jeweils 18 Prozent in Digitalisierung beziehungsweise digitale Infrastruktur und in den Bereich Klimaschutz und Energie.
Zur Einordnung: Bei der Frage durften maximal zwei Bereiche genannt werden, weswegen die Antworten in Summe mehr als 100 Prozent betragen.
Erhebungsmethode: Zufallsbasierte Online- und Telefon-Befragung (davon 60 Prozent Festnetz, 40 Prozent Mobilfunk)
Erhebungszeitraum: 31. März bis 02. April 2025
Fallzahl: 1.334 Befragte (792 Telefoninterviews und 542 Online-Interviews)
Gewichtung: nach soziodemographischen Merkmalen und Rückerinnerung Wahlverhalten
Schwankungsbreite: 2 Prozentpunkte bei einem Anteilswert von 10 Prozent, 3 Prozentpunkte bei einem Anteilswert von 50 Prozent
Durchführendes Institut: infratest dimap
Die Ergebnisse sind auf ganze Prozentwerte gerundet, um falsche Erwartungen an die Präzision zu vermeiden. Denn für alle repräsentativen Befragungen müssen Schwankungsbreiten berücksichtigt werden. Diese betragen im Falle einer Erhebung mit 1.000 Befragten bei großen Parteien rund drei Prozentpunkte, bei kleineren Parteien etwa einen Punkt. Hinzu kommt, dass der Rundungsfehler für kleine Parteien erheblich ist. Aus diesen Gründen wird keine Partei unter drei Prozent in der Sonntagsfrage ausgewiesen.